| Kritisch betrachtet ... Gesellschaftskritik, Kulturkritik und Zeitkritik in Zitaten | |||||
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gegen Denkverbote, geistige Scheuklappen und durch die öffentliche (veröffentlichte) Meinung verordnete "political correctness" - aktuell über 180 Rubriken
Ihr Heuchler! Das
Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die
Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Du irrst, mein Lucilius, wenn du annimmst,
die Genussucht, die Vernachlässigung der guten Sitten und alles, was ein
jeder seiner Zeit vorwirft, sei ein Fehler des Zeitalters. Es liegt
vielmehr an den Menschen, nicht an der Zeit: noch keine Epoche war frei von
Schuld. Ansichten, die vom
herrschenden Zeitgeist abweichen, geben der Menge stets ein Ärgernis. Man muss viel Geschmack haben,
um dem seines Zeitalters zu entgehen. Man findet in den Höhen der Gesellschaft
ebensoviel Schmutz wie in den Tiefen, er ist dort nur härter und vergoldet. Die sieben sozialen
Sünden der Gesellschaft: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen,
Erkenntnis ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne
Menschlichkeit, Religion ohne Opfer, Politik ohne Prinzipien. Der eigentliche Grund der
furchtbaren Tragödie, die sich in unserer Zeit abspielt, ist, dass wir die
Macht über die Ereignisse verloren haben. Wir fahren auf einem
Schiff, das keine Fahrt mehr macht und deswegen nicht mehr manövrieren kann
und ein Spiel der Wellen ist. Man begreift gar nichts von der
modernen Zivilisation, wenn man nicht zuerst einräumt, dass sie eine
universelle Verschwörung gegen jegliche Art des inneren Lebens ist. Nichts ist
schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu
seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein! Wenn ich den Armen zu essen
gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein
Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten. Der Mensch
braucht Stille, aber der Fortschritt gab ihm Lärm. Der Mensch braucht Güte,
aber der Fortschritt brachte Konkurrenz. Der Mensch braucht Gott, aber der
Fortschritt gab ihm Geld. Wir sind jetzt so tief gesunken,
dass die Neuformulierung des Offensichtlichen die erste Pflicht des
intelligenten Menschen geworden ist. Naturwissenschaft, Technik, das
tätige Leben liefern nur äußerliche, zweitrangige Lösungen, wenn es anders
wäre, hätte der enorme technische Fortschritt längst unsere Ängste, unsere
Aggressivität, unsere Wut verringert, statt sie immer weiter zu vermehren. Wenn man eine Gesellschaft
kritisieren will, muss man Außenseiter dieser Gesellschaft sein. Wir sind in Gefahr, eine im
Erwerbsstreben sterbende Gesellschaft zu werden. Wir haben
größere Häuser aber kleiner Familien; wir haben mehr wissenschaftliche
Auszeichnungen aber weniger Verstand; wir haben mehr wissen aber weniger
Urteilskraft; wir haben mehr Medizin aber weniger Gesundheit. Wir waren den
ganzen Weg zum Mond und zurück aber wir haben Probleme damit die Straße zu
überqueren um den neuen Nachbarn zu treffen.
An Habe gewinnen heißt an Sein verlieren.
Hast du was, so giltst du was. Viel haben ist nicht reich. Der ist ein
reicher Mann, der alles, was er hat, ohne Leid verlieren kann. Wir sollen nicht
haben, sondern sein, nicht uns etwas erwerben, sondern etwas werden. Der moderne Mensch hat viele Dinge und
gebraucht viele Gegenstände, aber er ist sehr wenig. Seine Gefühle, seine
Denkvorgänge sind zurückgebildet wir untrainierte Muskeln. In einer Gesellschaft, in der das oberste
Ziel ist, zu haben und immer mehr zu haben,... wie kann es da eine
Alternative zwischen Haben und Sein geben? Es
scheint im Gegenteil so, als bestehe das eigentliche Wesen des Seins im
Haben, so dass nichts ist, wer nichts hat. Die Falschheit des Reichtums besteht
darin, dass wir das, was wir haben, mit dem verwechseln, was wir sind. Heutzutage hat keiner
genug, weil jeder zu viel hat. Wir haben nur das, was wir nicht halten.
Wer viel besitzt,
braucht viel. Je weniger Bedürfnisse, desto glücklicher,
ist eine alte, aber sehr verkannte Wahrheit. Je mehr du eines deiner Bedürfnisse
befriedigst, umso stärker wird es, und je weniger du es befriedigst, umso
weniger macht es sich geltend. Die Welt hat genug
für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier. Alles Maßlose wird
zum Laster. Wem genug zu wenig
ist, dem ist nichts genug. Nichts steht so im Gegensatz zu einem
Christen wie Unmäßigkeit, sagt doch unser Herr: "Nehmt euch in acht,
dass nicht Unmäßigkeit euer Herz belaste." Die Seele liebt das vernünftige Maß, und
Essen und Trinken können ihr bei Unmäßigkeit Schaden zufügen. Alles auf einmal wollen heißt,
alles auf einmal zerstören. Wenn alle der Maßlosigkeit entgegen
treiben, scheint keiner dahin zu treiben. Wer stehen bleibt, macht wie ein
fester Punkt die ungestüme Entwicklung der anderen wahrnehmbar. Es ist nicht gut, zu frei zu
sein. Es ist nicht gut, alles zu haben, was man will. Zu viel Vergnügen ist lästig, ein Übermaß an
Wohlleben macht reizbar. Ins Maßlose gesteigert,
sind uns alle Dinge und Erscheinungen feindlich: wir fühlen sie nicht mehr,
wir erleiden sie. Untergehenden Völkern schwindet zuerst das
Maß. Um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn
der eignen Mäßigung vertrauen. Ihn hält in Schranken nur das deutliche
Gesetz und der Gebräuche tief getretne Spur. Das moderne Leben
ist der Maßlosigkeit ausgeliefert. Eine Handvoll zum Leben und dabei Ruhe und
Frieden ist besser als beide Hände voll sinnloser Jagd nach Wind. Der Besitz ist gut, wenn keine Schuld an ihm
klebt. Besser wenig Besitz, der ehrlich verdient
ist, als großer Reichtum, durch Betrug erschlichen. Was nützte es dem Menschen, wenn er die ganze
Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele. Glücklich, wer bei geringem Vermögen
wohlgemut, unglücklich, wer bei großem missmutig ist. Nicht der Mensch ist glücklich, der am
meisten besitzt, sondern der, welcher am wenigsten braucht. Wer mit nichts
zufrieden ist, der besitzt alles. Sobald einmal die Sucht nach Reichtum Eingang
gefunden hat, ist keine Erziehung, keine gute Eigenschaft und Anlage stark
genug, dass der Mensch nicht früher oder später endlich erliegt. Prüfe, ob du lieber dich oder etwas von
deinem Besitz aufgeben willst. Nicht auf die Größe des Vermögens, sondern
auf die des Geistes kommt es an. Die Menschen sind von einer solchen
Besitzgier befallen, dass sie offenbar mehr besessen werden, als das sie
besitzen. Du nennst dich wohlhabend und reich und
glaubst, den Besitz zu gebrauchen, den Gott dir zuerkannt hat. Gebrauche ihn
aber zu heilsamen Dingen und guten Fertigkeiten! Gebrauche ihn zu dem, was
der Herr gezeigt hat! Die Armen sollen schmecken, dass du reich bist, die
Bedürftigen sollen schmecken, dass du wohlhabend bist. Tische Christum auf
und verborge Gott in Gestalt deines Vermögens! Die Erde ist für alle Menschen gemeinsam
und für alle zugleich bringt sie Nahrungsmittel hervor. Vergebens beteuern
deshalb diejenigen ihre Schuldlosigkeit, welche die gemeinsame Gabe Gottes
sich allein aneignen, sie versündigen sich am Leben ihrer Mitbrüdern, wenn
sie ihnen nicht mitteilen von dem, was sie empfangen haben.
Sie vollbringen
täglich an jenen Armen, welche zugrunde gehen, einen Mord dadurch, dass sie
für sich behalten, was die Armen bedurft hätten. Wenn jeder einzelne darauf verzichtet, Besitz
anzuhäufen, dann werden alle genug haben. Wer etwas Eigenes haben will, verliert das
Gemeinsame. Ich liebe die Güter, weil sie mir das Mittel
geben, den Unglücklichen damit zu helfen. Manche Leute haben nur das eine von ihrem
Vermögen: Die Angst es zu verlieren. Die Güter der Erde höhlen die Seele nur aus
und vergrößern die Leere. Musst du denn besitzen, was dich erfreut?
Unerreichbar wandeln die Sterne ihre Bahn, und jeder freut ihrer dennoch. Eigentum: eine der Grundlagen der
Gesellschaft. Geheiligter als die Religion. Nur bis zu einem gewissen Grade macht der
Besitz den Menschen unabhängig, freier: eine Stufe weiter - und der Besitz
wird zum Herrn, der Besitzer zum Sklaven. Nichts bindet den Geist so stark wie Besitz.
Die Furcht vor Verlust lässt keinen Frieden, die Hoffnung auf Erwerb keine
Ruhe aufkommen. Ein Ziel im Leben ist das einzige Vermögen,
das zu erwerben sich lohnt. Es gibt keine toten Gegenstände.
Jeder Gegenstand ist eine Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre
Ansprüche geltend macht wie ein gegenwärtig Lebendiges. Und je mehr
Gegenstände du daher besitzest, desto mehr Ansprüche hast du zu befriedigen.
Nicht nur sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen dienen. Und wir sind
oft viel mehr ihre Diener, als sie die unseren. Wer in den Kategorien von "Dein"
und "Mein" denkt, kann nicht frei sein von Anhänglichkeit und
Gebundenheit. Alles Gut, das ich besitze, gehört nicht mir
in dem Sinne, dass ich sage: 'Das ist mein, ich kann damit machen, was ich
will', sondern nur in dem Sinne, dass ich mir sage: 'Das ist Gut, das ich in
einem für die Allgemeinheit nutzbringenden Sinne verwalten soll und für das
ich vor meinem Gewissen Verantwortung schuldig bin'. Wir besitzen nichts, weil wir
nicht einmal
uns besitzen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er
die ganze Welt gewänne und säße in deren Besitz mit einem Magengeschwür,
Sodbrennen und Prostataschwellung! Jeder, der etwas besitzt, hat Angst
vor jenen, die weniger oder nichts besitzen. Kannst du dich an einer Blume freuen, an
einem Lächeln, am Spiel eines Kindes, dann bist du reicher und glücklicher
als ein Millionär, der alles hat, was er sich nur träumen kann, und der doch
an nichts mehr Freude hat, denn sein eigener Reichtum hat ihn in Ketten
gelegt. Nicht Besitz macht reich, sondern Freude.
Du hast nicht weniger Recht, Glück zu
verbrauchen ohne es zu erzeugen, als Reichtum zu verbrauchen, ohne es zu
erzeugen. Ein Drittel, vielleicht die Hälfte
der Weltarbeit geht auf, um der Menschheit
Reizungs- und Betäubungsmittel, Schmuck, Spiel, Tand,
Vergnügungen und Zerstreuungen zu schaffen, deren
sie zur Erhaltung des leiblichen, zur Beglückung des seelischen Lebens nicht
bedarf, die vielmehr dazu dienen, den Menschen dem Menschen und der Natur zu
entfremden. Die goldene Regel
lautet: Weigere dich mit Entschiedenheit, zu besitzen, was Millionen
mangelt. Die Menschen haben keine Zeit mehr,
irgend etwas kennen zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den
Geschäften. Die Menschen haben keine
Freunde, weil sie diese nicht in den Kaufhäusern kaufen können. Wie kann Kaufen und Besitzen von
Bedeutung sein, wenn das einzig Wichtige für den Mensch das Werden und
Endlichsein ist und das Sterben im vollen Bewusstsein seines Seins. In unserer Gesellschaft geht ein Gespenst um,
das nur wenige deutlich sehen. Es ist nicht der alte Geist des Kommunismus
oder des Faschismus. Es ist ein neues Gespenst:
eine völlig mechanisierte Gesellschaft, die sich der maximalen Produktion
und dem maximalen Konsum verschrieben hat und von Computern gesteuert wird.
Zwanghafter Konsum ist eine Kompensation für Angst. Das Bedürfnis nach
dieser Art von Konsum entspringt dem Gefühl der inneren Leere, der
Hoffnungslosigkeit, der Verwirrung und dem Stress. Wird einmal der Schein des Lebens ganz
getilgt sein, den die Konsumsphäre selbst mit so schlechten Gründen
verteidigt, so wird das Unwesen der absoluten Produktion
triumphieren. Die gleiche Gesellschaft, die den Alternden
zunichte macht, indem sie ihn aus dem ökonomischen Prozess ausstößt, fordert
ihn auf, sein Alter zu konsumieren, wie er einst seine Jungend konsumierte. Das große Dogma der Reklame: Mit Geld kannst
du dir alles kaufen. Mit Geld kannst du dir ein schönes Haus kaufen, aber
keine Wärme und Geselligkeit. Mit Geld kannst du dir ein weiches Bett
kaufen, aber keinen Schlaf. Mit Geld kannst du dir Beziehungen kaufen, aber
keine Freundschaft. Mit Geld öffnet sich dir jede Tür, nur nicht die Tür zum
Herzen. In einer
Konsumgesellschaft gibt es unvermeidbar zwei Arten von Sklaven: die
Gefangenen der Sucht und die Gefangenen des Neides. Der Angestellte und der Arbeiter
werden heute nicht mehr in der Produktion ausgebeutet. Die Zeit dieses
naiven Kapitalismus ist vorbei. Heute werden sie als Konsumenten
ausgebeutet. Durch raffiniert entwickelte Bedürfnisweckung werden sie zu
Sklaven der oktroyierten Wünsche, die sie für ihre eigenen halten. Unser Leben ist viel schwerer als
das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die
uns das Leben erleichtern. Diese Gesellschaft ist insofern
obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und
schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen
beraubt. Der
Lebensstandard ist der Gott dieses Zeitalters, und die Produktion
ist sein Prophet. Lebensstandard ist kein würdiger
Ehrgeiz für eine Nation. Je zweifelhafter das 'Was' des
Daseins, desto wichtiger wird das 'Wie'. Der hohe Lebensstandard ist ein
Ziel, für das zwar viele leben wollen, für das aber im Ernstfall niemand
sterben wird. Dass sozialer Fortschritt mit
steigendem Lebensstandard identisch sei, wird zu einem Glaubensbekenntnis. Nicht das Verlangen nach einem
besseren Leben ist schlecht, sondern falsch ist ein Lebensstil, der vorgibt,
dann besser zu sein, wenn er auf das Haben und nicht auf das Sein
ausgerichtet ist. Man will mehr haben, nicht um
mehr zu sein, sondern um das Leben in Selbstgefälligkeit zu konsumieren.
Wer ausgelassene Feste liebt, wird
bald arm - ein aufwendiges Leben hat noch keinen reich gemacht!
Genügsamkeit ist natürlicher Reichtum, Luxus künstliche Armut. Wer die Habsucht besiegen will,
muss ihre Mutter besiegen, die Verschendung. Außerdem
wollen die Verschwender, dass ihre Lebensgestaltung, solange sie leben, im
Gespräch sei: denn sie meinen, wenn man nicht darüber spricht, sei ihre Mühe
umsonst. Daher sind sie todunglücklich, sooft sie etwas tun, was
nicht öffentlich zur Sprache kommt. Viele verprassen ihr Vermögen, viele
haben Geliebte. Damit man sich in diesen Kreisen einen Namen macht, muss man
nicht nur eine verschwenderische Tat vollbringen, sondern auch eine, die
Aufsehen erregt: in einer so geschäftigen Stadt
findet die ganz normale Nichtsnutzigkeit keinerlei Beachtung. Jetzt tragen wir des langen
Friedens Übel: Uns drückt, was härter ist als der Krieg, der Luxus. Republiken enden durch Luxus,
Monarchien durch Armut. Der Luxus verdirbt alles, sowohl
den Reichen, der ihn genießt, als den Armen, der ihn begehrt. Jeder Luxus verdirbt die Sitten
oder den Geschmack. Demnach
würde zur Milderung des menschlichen Elends das Wirksamste die Verminderung,
ja Aufhebung des Luxus sein. Es ist besser man trägt den Luxus
in seinen Empfindungen als auf seinen Kleidern. Die meisten der Luxusartikel und
viele der sogenannten Annehmlichkeiten des Lebens sind nicht nur
unverzichtbar sondern positive Hindernisse für die Erhebung der Menschheitl Von den Dingen, die man
benötigt, kann man nicht mehr als eine bestimmte Menge verbrauchen, für den
Luxus indessen gibt es keine Grenzen. Darf man Luxus haben und Luxus
treiben, wenn nebenan Menschen hungrig sind? Die banalen Ziele menschlichen Strebens:
Besitz, äußerer Erfolg, Luxus, erscheinen mir seit meinen jungen Jahren
verächtlich. Wir haben die Welt geplündert:
Vergeudung der Rohstoffe, Verschwendung der Nahrungsmittel in den reichen
Ländern und bitterstes Elend bei den Armen. Der Luxus der Zukunft verabschiedet
sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen. Wie überflüssig
vieles ist, merken wir erst, wenn es nicht mehr da ist. Lass das
Überflüssige weg, dann wächst das Gesunde empor! Alles was
wirklich nützt, ist für wenig Geld zu haben. Nur das Überflüssige kostet
viel. Wir leben in einem Zeitalter, in dem
die überflüssigen Ideen überhand nehmen und die notwendigen Gedanken
ausbleiben. Man kann in wahrer Freiheit
leben und doch nicht ungebunden sein. Die unvorteilhafteste
menschliche Ordnung ist die, bei der jeder nur für sich selbst arbeitet, nur
sich allein schützt und versorgt. Ich glaube, wäre dies so, und gäbe es
nicht Gruppen, zumindest die Familie, wo die Menschen für andere arbeiten,
sie könnten nicht existieren. Leute, die
nur ihrem Vergnügen leben, sind gewöhnlich unverheiratet. Eine dauernde Bindung zu einer Frau
ist nur möglich, wenn man im Theater über dasselbe lacht. Wenn man gemeinsam
schweigen kann. Wenn man gemeinsam trauert. Sonst geht es schief. Wir sind die Generation ohne
Bindung und ohne Tiefe. Die Wahrheit, die unsere Zeit auf
der ganzen Linie zuallermeist angeht, ist die, das man ohne die ewigen
Bindungen nicht nur die Ewigkeit, sondern auch die Zeitlichkeit verliert.
Wer gesättigt ist, der zertritt Honigwaben. Euer Überfluss helfe ihrem Mangel ab. Der Genuss des Wohlstands und die vom Frieden
begleitete Muße machen die Menschen zu übermütigen Gesellen. Der Überfluss der Reichen ist das
Lebensnotwendige der Armen. Fremdes besitzt man, wenn man Überflüssiges
besitzt. Wohlstand verwirrt die Köpfe mehr als
Missgeschick, denn das Missgeschick gibt uns warnende Winke, während der
Wohlstand bewirkt, dass man sich selbst vergisst. Man wird des Guten und auch des Besten, wenn
es alltäglich zu sein beginnt, bald satt. Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges
kaufen. Den Hungrigen ist
leichter geholfen, als den Übersättigten. Kein noch so perfekter Wohlstand wird die
Menschen auf die Dauer vergessen lassen, wie groß der Gegensatz ist zwischen
dem, was sie erstreben, und der Vergänglichkeit des Lebens. Das endlose Wachstum materiellen Wohlstandes,
von dem wir uns die Lösung aller Probleme erhoffen, ist selbst zum
Hauptproblem geworden. Wenn ich übersättigt bin, erstarren meine
Augen und mein Herz. Konsum, Reichtum und Luxus im höchsten Grad - und ich
sterbe als "Mensch". Man sucht die Lebensintensität in der
Quantität, und dies ist eine vergebliche Suche. Wenn uns die Dinge überall
und in Fülle zur Verfügung stehen und wenn wir sie wahllos konsumieren,
können wir kein sinnlich-erotisches Verhältnis entwickeln. Überfluss
zerstört die Intensität, die Genussfähigkeit und die Beziehungsfähigkeit der
Menschen. Wir sorgen uns um
Besitztümer für unsere Kinder. Aber um unsere Kinder selbst kümmern wir uns
überhaupt nicht. Was für eine Absurdität ist das! Bilde erst
richtig die Seele deines Sohnes und alles andere wird dir danach gegeben. Heutzutage hat die
Gier nach Besitz einen solchen Grad erreicht, dass es nichts im Reich der
Natur gibt, weder heilig noch profan, aus dem nicht Profit herausgepresst
werden kann. Die Habgier kennt
keinen Ort und Grenze für ihre Weite. Ihr einziges Ziel ist zu produzieren
und zu konsumieren. Sie hat weder Mitleid für wunderschöne Natur noch für
lebende Wesen. Ohne einen Moment zu zögern ist sie rücksichtslos bereit, die
Schönheit und das Leben aus ihnen zu drücken und sie zu Geld zu formen. Der Materialismus ist nie etwas anderes als
die Nebenerscheinung einer Lebensanschauung, die ihrem Wesen nach
Menschenkultus ist. Der Sieg der Materie über die Menschlichkeit
ist das Grundübel unserer Kultur. Die moderne
Zivilisation hat versagt. Sie ist säkular, materialistisch. Sie hat die
letzten Fragen vermieden. Das Leben war weitaus interessanter, als man noch
an etwas glaubte. Die heutige Welt wird zusehends
materialistischer. Die Menschheit nähert sich, getrieben von dem
unersättlichen Verlangen nach Macht und ausgedehntem Besitz, dem Zenith
äußerer Entwicklungsmöglichkeiten. In diesem vergeblichen Streben nach
äußerer Vervollkommnung der Welt mit ihren relativen Werten entfernt man
sich jedoch immer weiter von innerem Frieden und geistigem Glück. Es gab einmal ein Zeitalter - es war das
griechische - da war der Mensch das Maß aller Dinge. Heute sind die Dinge
das Maß aller Menschen. Wer das Haus seines eigenen Lebens nur auf
sichtbare und materielle Dinge, wie Erfolg, Karriere und Geld aufbaut, der
baut auf Sand.
Überall nur das Nützliche suchen zu
wollen, das schickt sich am wenigsten für die, die sich um edle Gesinnung
bemühen. Es kommt sehr oft vor, dass der
Nutzen mit dem Anstand im Widerstreit liegt. Weder Gutsein noch Großzügigkeit
noch Freundlichkeit kann bestehen, ebenso wenig wie Freundschaft, wenn diese
Dinge nicht an sich erstrebt, sondern auf Lust und Nutzen bezogen
werden. Die Freiheit ist in Gefahr, wenn
man nicht erkennt, wie viele arme Nützlichkeitsseelen vorhanden sind, die zu
jeder Knechtschaft bereit sind, wenn man sie nur in Ruhe lässt.
Man will
sich nicht kompromittieren, nicht anstoßen, nicht stören, nicht unbequem
werden. Das Nützlichkeitsprinzip, jene
Maxime der Lüge, die zu den größten Selbsttäuschungen führt, zerstört die
persönliche Verantwortlichkeit, die Ehrlichkeit und die Gerechtigkeit, es
untergräbt das Gewissen des Menschen vollkommen, da er sich immer mehr daran
gewöhnt, alles nach jenem vermeintlichen Nutzen und nicht nach Wahrheit und
Gerechtigkeit zu beurteilen. Vielleicht stammt die Zerfahrenheit
des heutigen Menschen aus seinem Unvermögen, Sinn und Zweck zu
unterscheiden. Seine schale Skepsis, sein verdrossenes Auf den Nutzen
Starren, all das, was sein Bild so trostlos verzerrt. Unsere
Zeit will alle Prozesse und Vorgänge an der Frage des Verhältnisses von
Aufwand und Wirkung bzw. soziale Wirkung müssen. Der Rückzug ins ausschließlich
Brauchbare und ausschließlich Nützliche in Kunst und Kult hat fast
ausschließlich Unbrauchbares und Nutzloses hervorgebracht. Die Haltung des gewohnten „um zu
…“, des „damit …“ hat wesentlich zur Sinnentleerung unserer westlichen
Industriegesellschaft beigetragen. Sie übersieht, dass die Wesen in sich
einen Wert darstellen und nicht einen Zweck für andere zu erfüllen haben. Viele
schon hat das Geld gewissenlos gemacht. Wer das
Geld liebt, bekommt vom Geld nie genug; wer den Luxus liebt, hat
nie genug Einnahmen - auch das ist Windhauch. Mehrt sich das Vermögen, so
mehren sich auch die, die es verzehren. Euch
selbst möchte ich, nicht euer Geld. Es gibt Menschen, denen ihr Geld
lieber ist als ihr eigener Leib. Es gibt nichts Schlimmeres auf der
Welt als Geld. Es lässt Städte verwaisen; Menschen ihr Zuhause aufgeben; es
verführt und verdirbt ehrliche Menschen und verwandelt Tugend in Falschheit;
es lehrt Niedertracht und Respektlosigkeit, Gottlosigkeit. Nicht das
Geld ist tadelnswert, sondern die unersättliche Habgier. Wo alle an alles das Geld als
Maßstab anlegen, wird kaum jemals eine gerechte und glückliche Politik
möglich sein, es sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo
gerade das Beste immer den Schlechtesten zufällt, oder von Glück, wo alles
unter ganz wenige verteilt wird und [...] der Rest aber ein elendes Dasein
führt. Wenn es sich um Geld handelt,
gehört jeder der gleichen Religion an. Bringst du
Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt, schließen die Türen sich. Was man ehedem "um
Gottes willen" tat, das tut man jetzt um des Geldes willen. Das Geld ist das Brecheisen der Macht. Fast alle jungen Menschen sind
einem anscheinend unerklärlichen Gesetz unterworfen, das indessen seinen
Grund in ihrer Jugend hat und der Art Wut, mit der sie sich jedem Vergnügen
in die Arme werfen. Mögen sie arm sein oder reich: Nie haben sie Geld für
die Notwendigkeiten des Lebens, während sie zur Befriedigung ihrer Launen
stets welches auftreiben. Nichts,
was das Leben lebenswert macht, kann man für Geld kaufen. Geld hat nicht nur kein Herz,
sondern auch keine Ehre und kein Gedächtnis. Mit allem Geld der Welt macht
man keine Menschen, aber mit Menschen die lieben, macht man alles.
Wenn sich der Mensch auf die
Profitgier reduziert, ist er zum Untergang verurteilt. Die Liebe zum Profit beherrscht
die ganze Welt. Jede Gesellschaft, die von privater
Profitgier abhängig ist, ist dem Untergang geweiht. Das Ziel der heutigen Gesellschaft
ist nicht die Verwirklichung des Menschen. Das Ziel der heutigen
Gesellschaft ist der Profit des investierten Kapitals. Der Imperativ der Rentabilität hat den
kategorischen Imperativ von Kant ersetzt. Shareholder value ist sicher nicht
die englische Übersetzung von Gemeinwohl. Shareholder value ist nicht
alles, Unternehmen existieren nicht nur für ihre Aktionäre. Die Profiteure
werden sich einen Blick auf die Verelendeten angewöhnen, der sie von allen
Gewissensbissen entlastet. So ist der Wucher
hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem,
wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden
worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst. Getreide verkaufen ist Handel, es
wucherisch aufkaufen ist Mord. Es ist äußerst ungerecht, mehr zu
fordern, als man gegeben hat, So handeln, das ist seinen Nächsten ausbeuten
und auf perfide Weise mit seiner Not spekulieren. Beute die Not nicht durch
Preiserhöhungen aus!
Wucher ist das sicherste Mittel zum Gewinn, obwohl eines der schlechtesten,
da er nichts anderes bedeutet, als sein Brot zu essen 'im Schweiße des
Angesichts eines anderen'. Borgen ist viel besser
nicht als Betteln: so wie Leihen, auf Wucher leihen, nicht viel besser ist
als Stehlen. Die Konkurrenz drückt auf den
Preis, der Preis auf die Löhne, der arme Fabrikarbeiter mag sehen, wie er
zurechtkommt.
Natürlich muss jede Firma die Kosten drücken, um langfristig
wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber deswegen kann ein Unternehmen doch nicht
mit Aussicht auf Erfolg zu seiner Bank gehen und sagen: ‚Tut mir Leid, mein
Gewinn ist mir zu niedrig. Ich kann jetzt nur noch den halben Zinssatz
zahlen.’ Aber was bei den Kapitalkosten undenkbar wäre, das soll bei den
Arbeitskosten Marktwirtschaft sein?
Der Handel hat seine Grenzen genau
wie die Fruchtbarkeit des Bodens, sonst stiege die Wachstumsrate ins
Unendliche. So wie wir
unsere Wirtschaft organisiert haben, stehen wir unter dem irrsinnigen Zwang,
nur damit unsere Menschen hier Arbeit und Verdienst haben,
Wirtschaftswachstum zu betreiben. Jeder der glaubt, dass
exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt für immer weitergehen kann,
ist entweder verrückt oder ein Wirtschaftswissenschaftler. Die
Wachstumsrate ist noch nicht das Glück der Nation. Der Mensch lebt nicht nur vom
Bruttosozialprodukt allein. Bruttosozialprodukt ist
der neue Tempel. Darin steht das Goldene Kalb, genannt Wirtschaftswachstum.
Rein monetäres Wachstum ist fragwürdig, dieses Wachstum wird bezahlt mit
einem Riss in der Gesellschaft. Wir müssen den BIP-Fetischismus
beenden!
In der Existenzweise des Habens findet der
Mensch sein Glück in der Überlegenheit gegenüber anderen, in seinem
Machtbewusstsein und in letzter Konsequenz in seiner Fähigkeit, zu erobern,
zu rauben und zu töten. Manche Menschen
geben Geld aus, das sie nicht haben, für Dinge, die sie nicht brauchen, um
Leute zu imponieren, die sie nicht mögen. Angeblich bestimmt der Mensch sein Image.
In Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu: Die meisten Menschen werden von
ihrem Image beherrscht, um nicht zu sagen, tyrannisiert. Statussucher sind Leute, dies sich
dauernd anstrengen, um sich mit dem sichtbaren Beweis des höheren Ranges
zu umgeben, den sie beanspruchen können. Lifestyle ist die teure Art, so auszusehen
wie die anderen. Die Menschen entdecken sich in
ihren Waren wieder, sie finden ihre Seele in ihrem Auto, ihrem Hi-Fi
Empfänger. Je
weniger Charakter einer hat, desto mehr Image braucht er. Die Bindung an Äußerlichkeiten verschärft
den Neid; wer nicht in sich selber ruht, macht sich abhängig von der
gesellschaftlichen Macht der Surrogate. Nur zwei Dinge
begehren die Menschen: Brot und Spiele. In nichts
offenbart sich die herzlose Maschinenhaftigkeit der Neuern mehr als in der
Dürre ihrer Feste. Die Sucht unserer Zeit ist die
Sucht, um jeden Preis dabei zu sein. Man ärgert sich, wenn man nicht zu
einer Party eingeladen wird, die man ohnehin nicht besucht hätte. Das
Fernbleiben ist dann nur halb so schön. Niemand trägt auf einer Party so
viel zur Unterhaltung bei wie diejenigen, die gar nicht da sind. Der zu Hause bleibt und der
Party-Tiger sind gleich kontaktarm. Die Schickeria ist nachts nur
unterwegs auf der Suche nach ihrer nächsten Pubertät. Erfolgreiche umringt eine Schar
von Freunden, nach ihrem Sturz umgibt sie Einsamkeit, und die Freunde
verlassen den Ort, wo man sie auf die Probe stellt. Erfolg macht übermütig. Die
Menschen beurteilen alle Dinge nach dem Erfolg. Jeder sieht, was du
scheinst, und nur wenige fühlen, was du bist. Der Erfolg
schenkt dem Menschen oft eine schützende Verkleidung, doch der Zufall
demaskiert ihn. Ein großer Erfolg ist eine große
Gefahr. Versuche
nicht, ein erfolgreicher Mensch, sondern lieber, ein wertvoller Mensch zu
werden. Der Mensch
ist durch seine großen Erfolge so geblendet, dass er die entscheidenden
Dinge nicht mehr sieht.
Die Räder der Karriere werden am besten mit dem Fett der Schmeichelei
geschmiert. Zeit
haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben. Und damit haben sie
es weitergebracht als alle anderen. Karriere: Beförderung bis
zur absoluten Inkompetenz. Im Geschäftsleben wie in
der Politik muss sich der Mann seinen Weg mit Hauen und Stechen durch seine
Nebenmenschen bahnen, wenn er
König des Berges sein will. Ist er einmal oben, dann kann er großmütig und
gütig sein - aber er muss erst hinaufgelangen. All unsere so genannten
Erfolgreichen sind Leidende, Kranke mit verdorbenen Mägen, verdorbener
Seele. Bei den
meisten Erfolgsmenschen ist der Erfolg größer als die Menschlichkeit. Lass nie
den Erfolg seine Leere verbergen, die Leistung ihre Wertlosigkeit, das
Arbeitsleben seine Öde. Behalte den Sporn, um weiter zu kommen,
den Schmerz in der Seele, der uns über uns selber hinaustreibt. Der Erfolg verdirbt die Menschen,
nicht der Misserfolg. Mache dich nicht selbst abhängig
von der Hoffnung auf Erfolge. Du musst damit rechnen, dass all dein Bemühen
womöglich fruchtlos bleibt oder sich ins Gegenteil auswirkt. Rechne mit
dieser Möglichkeit. Wenn du dich daran gewöhnst, wirst du dich allmählich
immer mehr auf den Wert, auf das Richtigsein, auf die Wahrheit deiner
jeweiligen Arbeit konzentrieren, und immer weniger auf ihre Ergebnisse. Das gefährlichste aller
Rauschgifte ist der Erfolg. Erfolg steigt den Menschen vielfach
zu Kopf, aber am schlimmsten wirkt er sich gewöhnlich auf die Bauchpartie
aus.
Karriere. Je mehr man erreicht, um so weniger reicht es einem. Der größte Feind der Moral
sind die Karriereaussichten.
Sei nicht
prahlerisch mit deinen Worten und schlaff und matt in deinem Tun. Kommt nicht alles, was ihr habt,
von Gott? Wie könnt ihr dann damit auftrumpfen, als hättet ihr es von euch
selbst? Haltet euch nicht selbst für
klug. Je kleiner der Geist, um so
größer die Einbildung. Wer auf
den Zehen steht, steht nicht sicher. Wer große Schritte macht, kommt nicht
weit. Wer sich gern selber zeigt, den übersieht man. Wer gerne Recht behält,
den überhört man. Wer auf Verdienste pocht, schaff sich nichts
Verdienstvolles. Wer sich hervorhebt, verwirkt den Vorrang. Was ist die Natur des Menschen
- aufgeblasene Bälge. Zwar ist
jede Arroganz abscheulich, aber die der Intelligenz und der Beredsamkeit die
unerträglichste. Der nahe herangerückte Tod
vertreibt prahlerische Worte. Wissen bläht auf. Ein wirklich großer Geist neigt
nicht zu Angeberei. Wenn dir der Mensch vorkömmt, der
sich so viel dünkt und so groß und breit dasteht, wende dich um und habe
Mitleiden mit ihm. Wir sind nicht groß, und unser Glück ist, dass wir an
etwas Größeres und Besseres glauben können. Die Arroganz der Gescheiten ist
noch größer als die der Reichen. Der Zwerg selbst findet, sei er
noch so klein, den Klein'ren, dem er mächtig imponiert. Das heiße Verlangen, eine Rolle in
der so genannten großen Welt zu spielen, bezeugt einen gewöhnlichen Geist.
Der sich besser Fühlende kommt davon bald zurück. Je weniger Ahnung jemand hat, desto
mehr Spektakel macht er und ein desto höheres Gehalt verlangt er. Der gewöhnliche Protze, der mit
Gold prahlt, ist unleidlich; unleidlicher ist der Überzeugungsprotze,
der uns jeden Augenblick mit seiner Gesinnungstreue in das Gesicht springt;
am unleidlichsten aber der Wissensprotze, der über jede fremde
Meinung mit spöttischem Mitleid lächelt. Prahlerei ist nur Schamgefühl unter
falscher Maske; sie glaubt nicht wirklich an sich. Immer am lautesten hat sich der
Unversuchte entrüstet, immer der Ungeprüfte mit seiner Stärke gebrüstet,
immer der Ungestoßene gerühmt, dass er niemals gefallen. Arroganz ist das
Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes. Man prahlt eben mit dem, was man
hat, und je weniger man hat, desto mehr neigt man wohl zum Prahlen. Auch das
größte Maul wird am Ende mit Erde gestopft. Nichts ist gefährlicher als die
Großmannssucht der Kleinen. Bei uns
gilt die Arroganzstruktur von oben nach unten und Ressentimentstruktur von
unten nach oben. So eitel ist der Mensch, dass er
sich sogar auf seine Leiden etwas einbildet. Wer ein großer Mann sein will, darf
weder in sich noch in seine eigene Sache verliebt sein, sondern in das, was
recht ist. Denn in dieser kranken Zeit will keiner
sich selbst wehe tun; und die Menschen sind in sich selbst verliebt. Was gibt
es Törichteres als von seinen eigenen guten Eigenschaften bezaubert, von
seinen eigenen Verdiensten entzückt zu sein? Wer in sich selbst verliebt
ist, hat wenigstens bei seiner Liebe den Vorteil, dass er nicht viel
Nebenbuhler erhalten wird. Aber der
Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich überall gern selbst,
er legt sich als Folie der ganzen Welt unter. Man kann einen narzisstischen
Menschen daran erkennen, dass er äußerst empfindlich auf jede Kritik
reagiert.
Eure Schönheit soll
von Innen kommen: Freundlichkeit und Herzensgüte sind der unvergängliche
Schmuck, der in Gottes Augen wert hat. Wie viele treiben
Körperkultur und wie wenige Geisteskultur! Wie viele rennen zu
diesen nicht ernstzunehmenden Schaustücken, und wie klein ist der Kreis bei
kulturellen Veranstaltungen! Wie geistesarm ist unsere vergötterte
Bicepsaristokratie. Du triffst Vorsorge
für das Alter, damit dem Körper nichts fehle. Solltest du dir nicht Gedanken
darüber machen, ob der Seele etwas fehlt? Sorge für deinen
Leib, doch nicht so, als wenn er deine Seele wäre. Der vollkommenen Schönheit der
Schönheitsköniginnen entspricht die vollkommene Dummheit ihrer
Bewunderer. Wer seiner Jugend nachläuft, wird sie nie
erreichen. Mens sana in corpore sano? - Wie viel
Dürftigkeit kann zwischen prallen Muskeln wohnen, welche Kraft in einem
geschundenen Leib.
Für meinen Mann bin ich der Garderobenständer
seines Luxus, das Aushängeschild seines Ehrgeizes, eine seiner lächerlichen
Genugtuungen. Die Ehemänner scheffeln voller Abscheu und
Bitterkeit unter größten Anstrengungen und Methoden, die ihnen selbst
zuwider sind, Geld, und ihre Frauen geben unvermeidlich alles aus,
unzufrieden, neidisch auf andere und verbittert, und es ist ihnen zu wenig,
und sie trösten sich mit der Hoffnung auf einen Lotteriegewinn. Frau: für den erfolgreichen Mann eine Art
Litfaßsäule, die seinen Wohlstand plakatiert. Man kann nicht nur auf Probe leben, man
kann nicht nur auf Probe sterben, man kann nicht nur auf Probe lieben, nur
auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen. Die Lügenpropheten erklären uns, offene
Beziehungen gehörten zu einer modernen Welt. Aber
solange ein Mensch einen Menschen liebt, ihn ehrlich liebt, wird er danach
trachten, dass diese Liebe fortdauert. Imponiergehabe ist die Kosmetik des
Mannes. Das wahre Laster
besteht darin, das man sich von den sittlichen Pflichten gegenüber dem Weibe
löst, mit dem man körperlich verkehrt. Sex ist sehr oft ein
Ersatz für Freude. Sex ist die Liebesform einer Zeit, die für
die Liebe keine Zeit mehr hat. Pornographie existiert für die einsamen,
die hässlichen, die furchtsamen. Wenn wir den Kampf
gegen die Pornographie nicht gewinnen, verlieren wir den Kampf um unsere
Emanzipation. Pornographie erzählt Lügen über Frauen, aber
sie erzählt die Wahrheit über Männer. Ein Sexsymbol wird eine Sache… ich hasse
nur eine Sache zu sein. Was zur sexuellen Harmonie notwendig ist, ist
nicht raffinierte Technik, sondern das Vertrauen auf den erotischen Charme
des Augenblicks, eine wechselseitige Freigiebigkeit von Körper und Seele. Der Orgasmus hat das Kreuz als Fokus der
Sehnsucht und Erfüllung verdrängt.
Nein, so gut ist's im Menschenleben nicht
bestellt, dass das Bessere der Menschheit zusagt. Als ganz schlecht erweist
sich das, worum man sich drängt. Die Natur macht Frauen verschieden - die
Mode macht sie gleich. Die Menschen sind so abhängig geboren,
dass selbst die Gesetze, die ihre Schwachheit regieren, ihnen nicht genügen.
Das Schicksal hat ihnen noch nicht genug Herren gegeben; sie bedürfen
noch der Mode, die alles, selbst die Form der Schuhe, vorschreibt. Die Modeerscheinungen werden
gewöhnlich erst dann geprüft und richtig beurteilt, wenn sie nicht mehr Mode
sind. Der Gipfel aber unseres Triumphs ist es, wenn
man uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder Engländer
hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten in Mode ist. Die Mode ist
weiblichen Geschlechts, folglich hat sie ihre Launen. Die Mode ist die Unbeständigkeit im Unsinn,
die nur eine Konsequenz kennt, dass sie immer verrückter wird. Jede Generation lacht über die alte Moden
aber folgt gläubig der neuen. Keine Satzung, sie mag des Leibes oder der
Seele Heil bezwecken, befolgen die törichten Menschlein so willig, ja so
lüstern, als die tyrannische Willkür der Mode. Die Mode ist so hässlich, dass man sie alle
sechs Monate ändern muss. Die Moden sind
eigentlich nur eingeführte Epidemien. Es gibt viel was die
Ansicht unterstützt, dass die Kleider uns tragen und nicht wir sie; wir
lassen sie die Form von Arm und Brust tragen, aber sie formen unsere Herzen,
Gehirne, Zungen nach ihrem Gutdünken. Mode, das heißt: Zivil als Uniform. Die jungen Leute glauben, mit den Blue Jeans
die Freiheit gewählt zu haben. Am Anfang war das auch wirklich so,
inzwischen ist aus der Freiheit ein Zwang geworden, Konformismus,
schlimmer als zuvor. Kein Diktator kann so vielen Menschen seinen
Willen aufzwingen wie ein Modeschöpfer. Der In-Typ hat, egal wie`s
heißt, alles, was der Zeitgeist scheißt. Der Glaube gibt dem Leben einen subjektiven
Sinn, der in der Praxis der Liebe objektiviert wird. Eine Ware schafft
jedoch nur die Illusion, das wir durch sie in den Augen Fremder mehr wert
sind. Das Leben für den Konsum beweist ein
schwaches Selbstwertgefühl. Ein heiliger Franziskus von Assisi oder ein
Mahatma Gandhi brauchten keine In-Waren, keine Markenjeans, um sich auf sich
selbst zu besinnen und sich auf die anderen und Gott zu konzentrieren. Das Neue loben die, welche noch
nicht einmal wissen, ob es gut ist, mehr als das Gangbare, das sie bereits
als nützlich kennen, und das Unbegreifliche mehr als das Einleuchtende. Alles dauert immer nur vier
Wochen, danach wird etwas Neues gesucht. Dieses Verlangen nach immer Neuem
ist für das Volk die Mutter aller Irrtümer. Sich sein Neusein zunutze
machen: denn solange jemand noch neu ist, ist er geschätzt. Das Neue
gefällt, der Abwechslung wegen, allgemein, der Geschmack erfrischt sich
daran, und eine funkelnagelneue Mittelmäßigkeit wird höher geschätzt als ein
schon gewohntes Vortreffliches. Das Ausgezeichnete nutzt sich ab und wird
allmählich alt. Jedoch soll man wissen, dass jene Glorie der Neuheit von
kurzer Dauer sein wird: nach vier Tagen wird die Hochachtung sich schon
verlieren. Deshalb verstehe man, sich diese Erstlinge der Wertschätzung
zunutze zu machen, und ergreife auf dieser schnellen Flucht des Beifalls
alles, wonach man füglich trachten kann. Ein Ding
mag noch so närrisch sein, es sei nur neu, so nimmt's den Pöbel ein. Modern
sein heißt, auf dem Wege sein, unmodern zu werden. Mit hundert Klecksen bemalt saßet
ihr da ihr Modernen und alle Zeiten schwatzten durcheinander in euren
Ansichten. Modern ist, was man selbst trägt.
Unmodern: was andere tragen. Das wahrhaft Neue ist nie eine
Änderung, sondern ein Ewiges, dass erscheint. Alles, was nicht ewig ist, ist
ewig unmodern. Glück ist heutzutage, wenn man im neu
gekauften Auto mit 150 km/h durch die innere Leere fährt. Der Mensch von heute ist das dümmste
Lebewesen, das die Erde hervorgebracht hat: Er kriecht mit seinem Auto
in der Großstadt wie eine Schnecke, nimmt die Umweltgifte in sich auf
wie ein Staubsauger und ist obendrein noch stolz auf das, was er zustande
gebracht hat. Die erotische Bedeutsamkeit des Automobils
wird offenbar, wenn man darauf achtet, wie viele große und elegante Wagen
von hässlichen Leuten gefahren werden. Ein Mann am Steuer eines Autos ist ein
Pfau, der sein Rad in der Hand hält. Volkswirtschaft ist die Lehre von der
Notwendigkeit, dass der Mensch ein Auto braucht um Geld zu verdienen, damit
er sich ein Auto kaufen kann. Zylinder: Statussymbol, das man nicht
mehr auf dem Kopfe, sondern unter der Motorhaube trägt. Geschwindigkeitsbeschränkungen sind
für viele Autofahrer so etwas wie eine amtlich verfügte Potenzminderung. Wir denken, wir
wären mehr, wenn wir mehr haben. Wir kaufen einen schicken Wagen und
denken, dieser Wagen wäre nun ein Teil unserer selbst, wie
ein weiteres Glied unseres Körpers. Wenn die anderen unseren Wagen
bewundern, fühlen wir uns, als ob sie uns selbst bewunderten. Wir betrachten
die Dinge, die uns gehören, als ob sie ein Teil unserer selbst wären. Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der
Höhe unserer Gehälter oder nach der Größe unserer Autos zu bestimmen
als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer
Menschlichkeit. Wenn ein Mann einer Frau höflich die
Wagentüre aufreißt, dann ist entweder der Wagen neu oder die Frau.
Der Preis für eine Sensation
ist nie zu hoch bezahlt. Heute ist der Sinn des Lebens,
Geschwätzwettbewerbe zu veranstalten, gigantische Krachmaschinen,
Heulmaschinen, Geschwätzverstärkungsmaschinen Tag und Nacht in
Betrieb zu erhalten. Für die meisten Menschen im Westen ist
sinnloses Leben, sinnloses Musikhören, sinnlose
Filmbetrachtung zu einer Sucht geworden, die das psychologische Gegenstück
zu Alkoholismus und Morphinismus darstellt. Die Dinge sind so auf
die Spitze getrieben worden, dass viele Millionen Männer und Frauen
tatsächlich darunter leiden, wenn man ihnen für ein paar Tage oder auch nur
für ein paar Stunden ihre Zeitungen, Radiomusik und Filme entzieht. Wie
Rauschgiftsüchtige müssen sie ihrem Laster frönen. Manche Kritiker meinen, in einer einzigen
Show müsse man all das leisten, was das Fernsehen sonst nicht fertig
bringt. Der Sprung von drei auf dreiunddreißig
Programme wird möglicherweise den Appetit auf Bilder vergrößern, aber
die Augen werden größer sein als der Magen, und dann wird's kommen: das
Sodbrennen, vielleicht das Kotzen? Kinder lernen auch vor dem Fernsehschirm,
dass andere Menschen geschlagen, getreten, abgeknallt werden "dürfen", sie
lernen, dass Gewalt zum Leben gehört und dass die körperlich Starken oder
brutaler Bewaffneten die Erfolgreicheren sind. Fernsehen wurde nicht für Idioten
erschaffen - es erzeugt sie. Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass
es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes
Thema als Unterhaltung präsentiert. Wir amüsieren uns zu
Tode. Kein einziger
großer Religionsstifter - weder Buddha noch Moses, weder Jesus noch
Mohammed, noch Luther hat den Menschen je das geboten, was sie wollten.
Sondern immer nur das, was ihnen Not tat. Das Fernsehen jedoch ist nicht
sonderlich geeignet, den Menschen das zu bieten, was ihnen Not tut. Als ich beim Fernsehen anfing, hat man mir
gesagt, du musst dem Volk aufs Maul schauen. Sehe ich mir die Themen der
täglichen Talkshows an, dann schauen sie dem Volk auf den Hintern. Diese unendliche, ausweglose, schleichende
Banalisierung und Trivialisierung des Fernsehens macht die Hirne total
kaputt. Wenn mit schier
grenzenlosen Exhibitionismus in billigen Talkshows und
Pseudo-Gerichtsverhandlungen schon am Nachmittag die Hose herunter- und die
Sau raus gelassen wird, auf niedrigstem Niveau Verbalschlachten über alle
erdenklichen Untaten, moralische und sexuelle Schweinereien und
Perversitäten zum voyeuristischen Vergnügen zelebriert werden, Brutalität,
Sadismus und Horror ohnehin zur täglichen Unterhaltungskost gehören, ist es
kein Wunder, wenn Kinder und Jugendliche seelisch und moralisch abstumpfen,
Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können und unsensibel für
die Verletzbarkeit und Leiden anderer werden. So kommen ihnen die
ethischen Maßstäbe abhanden, die aus uns Menschen soziale Wesen machen. TV ist 'ne Droge, TV macht süchtig. Wenn das Jahrtausend beginnt, das nach dem
Jahrtausend kommt werden die Menschen Trugbilder zum Leben erwecken können.
Die Sinne werden getäuscht werden, und sie meinen zu berühren, was gar
nicht ist. Sie werden Wege beschreiten, die nur die Augen sehen können und
der Traum wird so Wirklichkeit werden. Doch der Mensch wird nicht mehr
unterscheiden können zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist. Er wird
sich in falschen Labyrinthen verlieren. Jene, welche die Trugbilder zum
Leben erwecken können, werden mit dem gutgläubigen Menschen ihr Spiel
treiben und ihn betrügen und viele Menschen werden zu unterwürfigen
Hunden. Unsere Gesellschaft
verkauft sich zunehmend an ein leichtgewichtiges Entertainment, das die
gesamte Aufmerksamkeit monopolisiert. Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der
Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der
Mensch so wird wie der Computer. Wir werden maschinell infantilisiert. Computer haben kein Herz. In den Händen von
Menschen ohne Herz werden sie gefährlich. Das Internet ist ein großer Misthaufen, in
dem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen finden kann. Die Vorstellung, dass Menschen ihr ganzes
privates und berufliches Leben von zu Hause aus bewältigen, finde ich
gefährlich: Neue Eindrücke und soziale Kontakte
würden nur noch per Datenleitung entstehen. Statt des
persönlichen Gottes nun jedem sein eigener PC. So endet die
größte aller Revolutionen in der Banalität des
berechnenden Unglaubens, und es scheint, als sei das in der
Vorsehung programmiert. Nichts verbindet so unverbindlich wie das
Internet. Handy-Kultur. Wer immer erreichbar sein will,
rufe sich selbst an, um zu checken, ob er sich selber erreicht. Kontaktaufnahme in Foren – Zärtlichkeit via
Webcam – Liebesschwüre über Messenger – Cybersex – Heiratsantrag per E-Card
– Aufgebot/ Hochzeit/ Scheidung online – Psychotherapie im SMS-Abo – letzte
Rundmail an Freunde – Endstation virtueller Friedhof. Welch grausame
Vorstellung! Unsere Briefe aber sind infolge der
Schnelligkeit des Verkehrs und des billigen Portos so furchtbar inhaltslos
geworden, dass man geistreiche Briefe wie in früheren Kulturperioden gar
nicht mehr findet.
Wehe dir, wenn alle Menschen gut von dir
sprechen. Jeder Mensch, der
etwas zu sehr liebt und so zu seinem Gott macht, dient fremden Göttern. Das gilt vor allem für Schauspieler,
Sänger, Redner und Dichter, die sich umso selbstgefälliger breit machen, je
unbegabter sie sind. Worauf du nun, sag ich, dein Herz hängst
und verlässt, das ist eigentlich dein Gott. Manche Menschen gelten nur deshalb etwas in
der Welt, weil ihre Fehler die Fehler der Gesellschaft sind. Niemand ist so unglücklich wie ein Idol,
das sich selbst überlebt hat. Zur Popularität gelangen deutsche Schriften durch einen großen Namen,
oder durch Persönlichkeiten, oder durch gute Bekanntschaft, oder durch
Anstrengung, oder durch mäßige Unsittlichkeit, oder durch vollendete
Unverständlichkeit, oder durch harmonische Plattheit, oder durch vielseitige
Langweiligkeit, oder durch beständiges Streben nach dem Unbedingten. Popularität ist wie die Flamme
einer Illumination oder auch einer Feuersbrunst, die um einen Mann herum
gezündet wird. Sie zeigt, was an ihm ist, vermehrt seine Eigenschaften aber
nicht im mindesten. Oft sogar entfremdet sie ihm viele und verzehrt den
armen Mann selbst zu Asche.
Die Popularität einer Sache macht mich viel eher
zweifelhaft und nötigt mich, mein Gewissen noch einmal zu fragen: Ist sie
auch wirklich vernünftig? Denn ich habe häufig gefunden, dass man auf
Akklamation stößt, wenn man auf unrichtigem Wege ist. Wer die bessere Einsicht hat, darf
sich nicht scheuen, unpopulär zu werden.
Die jüngste Verkörperung der Hetäre ist der
Star. Menschen, die wie Götter verehrt
werden, verlieren mit der Zeit tatsächlich ihre menschlichen Züge. Wer ein Genie ist, bestimmt die Nachwelt. Wer
ein Star ist, entscheidet die Mitwelt. Hollywood ist ein Ort, an
dem man dir Tausend Dollars für einen Kuss und fünfzig Cent für die Seele
zahlt. Diese Katapultstarts in die Berühmtheit, die
haben schon sehr viele Künstler kaputt gemacht.
Das erste und wesentliche
Merkmal des alten wie des modernen Olympismus ist: eine Religion zu sein.
Durch Leibesübungen formte der Wettkämpfer der Antike seinen Körper wie
der Bildhauer seine Statue und "ehrte dadurch seine Götter". Der Wettkämpfer
der Neuzeit, der gleiches tut, erhöht damit sein Vaterland, seine Rasse und
seine Fahne. Was den Beitrag des internationalen
Sports zur Völkerverständigung betrifft, erlaube ich mir zu bemerken, dass
der Sport den heftigen Hass zwischen den Nationen verstärkt und auch
zwischen jenen Völkern Zwietracht sät, die ansonsten keinen natürlichen
Grund haben, miteinander zu streiten. Der große Sport fängt da an, wo
er längst aufgehört hat, gesund zu sein. Sport… ist
Krieg ohne Schießen. Der Fußball ist einer der am
weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Er ist heute das
wirkliche Opium des Volkes. Ich wünsche mir, dass die Leute
einmal sagen werden: Er war nicht nur ein sehr guter Tennisspieler,
sondern er war auch ein glaubwürdiger Christ.
Alle bekommen den ganzen Tag soviel
Informationen, dass sie ihren gesunden Menschenverstand verlieren. Das Problem des 21. Jahrhunderts
liegt darin, Information in Wissen zu verwandeln und Wissen in Erkenntnis
-
nicht in schnellerer Verbreitung von Informationen. Immer mehr
Informationen überrollen uns, ungefragt und erbarmungslos. Früher brauchte
man sie, um ein Problem zu lösen. Heute sind diese Daten selbst ein Problem. Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen. Die Flut
von Informationen führt zur Verdummung der Gesellschaft.
Immer sind es die Schwächeren die nach Recht
und Gleichheit suchen, die Stärkeren aber kümmern sich nicht darum. Die Großen fressen die Kleinen auf. Es gibt wohl ein Recht des Weiseren, nicht
aber ein Recht des Stärkeren. Was mich hauptsächlich beherrscht ... das ist
der Ekel, einer Gesellschaft von Kreaturen anzugehören, die außer den
übrigen ihnen von der Natur auferlegten Funktionen des Futtersuchens, der
Fortpflanzung etc. auch die mit elementarischer Stumpfheit befolgt, sich
von
Zeit zu Zeit gegenseitig zu vertilgen. Das Recht des Stärkeren ist das stärkste
Unrecht. Das Überleben der Stärksten kann nicht zum
Leitprinzip einer Gesellschaft werden. Die unwürdigen und unbrauchbaren
Unternehmen bedürfen um so mehr einer großspurigen Ideologie, die in alle
Köpfe gerannt wird. Ideologien sind bewaffnete Ideen. Eine Ideologie annehmen heiß immer ihr
Erbe an ungelösten Widersprüchen übernehmen. Um Böses zu tun, muss ein Mensch erst
glauben, dass das, was er tut, gut ist … Ideologie - das ist, was dem Tun
des Bösen seine lang gesuchte Rechtfertigung gibt, und dem Übeltäter die
nötige Standfestigkeit und Entschlossenheit gibt. Wir stehen heute, am
Ende dieses Jahrhunderts, vor dem materiellen und moralischen Trümmerhaufen,
den so viele Ideologien angerichtet haben. Ideologen sind
Leute, die glauben, dass die Menschheit besser sei als der Mensch. Unsere furchtbaren
Götter haben nur den Namen gewechselt, sie reimen jetzt auf "-ismus". Ideologie ist
Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens. Eine Ideologie ist keine Wissenschaft.
Wenn die Fahne weht, rutscht der
Verstand in die Trompete. Es trennte einst der Rhein den
Franzosen vom Deutschen, aber der Rhein trennt doch nicht den Christ vom
Christen. Die Pyrenäen sondern die Spanier von den Franzosen ab, aber sie
heben doch nicht die Gemeinschaft der Kirche auf. Das Meer scheidet die
Engländer von den Franzosen, aber scheidet doch nicht die
Religionsgemeinschaft. Der Klang der Trommel zerstreut
die Gedanken; deshalb ist dieses Instrument imminent militärisch. Jeder
erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte,
ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu
sein. Der Weg der neueren Menschheit geht
von der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität. Auf den Nationalismus berufen sich
alle, die menschliches Elend verursachen und ausnützen. Die westlichen Völker haben den
Ackerbau aufgegeben und wollen alle nur herrschen. Über sich selbst
herrschen geht nicht, also machen sie sich auf die Suche nach Kolonien und
Märkten. Wie gut
klingen schlechte Musik und schlechte Gründe, wenn man auf einen Feind
losmarschiert! Der Nationalismus ist eine
Kinderkrankheit, sozusagen die Masern der Menschheit. Was ist Nationalismus? Der unedle
und ins Sinnlose gesteigerte Patriotismus, der sich zum edlen und gesunden
wie die Wahnidee zur normalen Überzeugung verhält. Alle Nationalismen sind Sackgassen.
Sie führen nirgendwo hin. Zu allen Zeiten nahmen mächtige
Nationen für sich in Anspruch, das Menschengeschlecht zu repräsentieren,
versuchten dabei allen Menschen ihre Lebensformen aufzuzwingen und
beschwörten dazu zerstörerische Kriege herauf, die möglicherweise
letztendlich die ganze Menschheit im Frieden der Grabesruhe vereinigt! Ich erkannte, dass eher das
Vaterland als die Menschlichkeit untergehen dürfte, und ich erkannte die
verhängnisvolle Gewissenlosigkeit, mit der in Zeiten der verschuldeten oder
unverschuldeten Not der Staat sich seiner Untertanen bedient. Jubel über militärische Schauspiele
ist eine Reklame für den nächsten Krieg. Nationalismus, zweifellos ein
Kind der Romantik, ist aus der Ordnung geratenes, hysterisch gewordenes
Nationalgefühl. Eine Nation entsteht durch gemeinsame Ideale. Die Nation
ist ein Faktum, und ein Faktum ist kein Absolutum.
Keiner
soll sich vor Gott auf seine Leistungen berufen können. Der größte
Dieb ist, wer menschliche Erkenntnisse stiehlt. Keine Leistung entschädigt für
den Verlust an menschlichem Frohsinn. Kaum irgendein Umstand kann
schädlicher auf die Gesundheit wirken als die Lebensweise unserer Tage: ein
fieberhaftes Hasten und Drängen aller im Kampf um Erwerb und sichere
Existenz. Und solange es Wettbewerb gibt,
wird es auch Menschen geben, die auf der Strecke bleiben, und daher können
keinerlei philanthropische Institutionen und keinerlei Verbesserung der Lage
der Arbeiter diese auf der Strecke Bleibenden beseitigen. Konkurrenz, die aus Neid
entspringt, ist etwas ganz anderes als die Bemühung, sein Bestes zu tun, um,
aus gegenseitiger Achtung, die Arbeit so gut wie möglich zu machen. Es kommt nicht nur darauf an, was
wir äußerlich in der Welt leisten, sondern was wir menschlich geben, in
allen Lagen. In einem
Zeitalter fortgeschrittener Technik ist Leistungsunfähigkeit die Sünde wider
den Heiligen Geist. Unser modernes Leben ist überaus
hart, überall herrscht rücksichtsloser Wettbewerb,
und alles ist dazu angetan einen Keil zwischen Körper und Seele zu trieben.
Die Folge davon ist, das die Seele austrocknet. Gewöhnlich wird sie ein eine
wüste Einsamkeit verdrängt, so dass ein solcher Mensch fortan gezwungen ist,
sich mit dem Verstand allein durch das Leben zu schlagen. Das Gerede von "Leistungsträgern"
beleidigt die Möbelträger, die Briefträger, die Gepäckträger. Menschen werden fertig gemacht
wegen Geld. Menschen werden weggeboxt wegen der Karriere. Menschen werden
beschmutzt aus Eifersucht. Menschen werden in die Zange genommen aus
Konkurrenz. Die Verlagerung der militärischen
in die ökonomische Auseinandersetzung ist kein 'Nichtkrieg', sondern sie
richtet wirtschaftlich wie ökologisch furchtbare Zerstörungen an. Der Mensch ist mehr als die Summe
seiner Leistungen.
Du sollst
der Menge nicht auf dem Weg zum Bösen folgen. Was die
Menge hasst, musst du prüfen. Was die Menge liebt, musst du prüfen. Namenlos ist die Menge. Die Menge kennt kein Maß; sie macht
andere zittern, wenn sie nicht selbst zittert. Mach dir keine Sorge um den Klang
eines großen Namens und um die Freundschaft der Menge. Daraus entsteht nur
Ablenkung vom Ziel und Finsternis im Herzen. Das ist
das Wesen der Masse: entweder sie dient unterwürfig oder sie herrscht
überheblich; die Freiheit, die in der Mitte liegt, versteht man
weder mit Maß zu erringen noch zu halten. Vor nichts sollten wir uns mehr
in acht nehmen als davor, wie Schafe der Herde zu folgen, die vor uns dahin
zieht, und nicht die Richtung einzuschlagen, in die man gehen müsste,
sondern die, in die man geht. Wir müssen gründlich prüfen, wie
wir uns vor der Masse schützen müssen. Niemals
strebte ich danach, der Masse zu gefallen. Denn was ihr gefiel, verstand ich
nicht; was ich wusste, war ihrer Wahrnehmung weit entrückt. Der schlimmste Gewährsmann für das
Leben wie für das Denken ist von jeher der große Haufen.
Noch nie war es um die menschlichen Dinge so gut
bestellt, dass nicht das Allerschlechteste der Überzahl gefallen hätte. Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich
klug und verständig; sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus. Es gibt eine Tyrannei ganzer
Massen, die höchst gewaltsam und widerwärtig ist. Lasst das heuchlerische Gerede von
den Massen. Die Massen sind roh, stumpf und ungehobelt, verderblich in
ihren Forderungen und ihrem Einfluss und sollen nicht umschmeichelt, sondern
erzogen werden. Ich wünsche ihnen gar keine Zugeständnisse zu machen,
sondern sie zu zähmen, zu drillen, zu zerteilen, in Stücke zu brechen und
aus ihnen Individuen herauszuziehen. Weg mit dem Hurra der Massen! Wir
wollen das schwerwiegende Wort einzelner Menschen hören, die Stimme ihrer
Ehre und ihres Gewissens. Alles, was in großer Zahl auftritt,
ist nicht von oben; meint es, irgendeinen Ruf vernommen zu haben, so kann
man sicher sein, dass der Ruf von unten kam. Das ist mein Glaube: Soviel
Verwirrung und Böses und Abscheuliches in den Menschen sein kann, sobald sie
zum verantwortungslosen und reulosen "Publikum", zur "Menge" und
dergleichen werden, soviel Wahres und Gutes und Liebenswertes ist in
ihnen, wenn man sie zu Einzelnen macht. Die Masse erhebt sich nie zur Höhe ihres
besten Mitgliedes, im Gegenteil, sie erniedrigt sich zum Niveau ihres
schlechtesten. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet.
Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es
vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag.
Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr,
wer sie aufzuklären versucht, ihr Opfer. Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören
will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem
Gewissen, welches ihm zuruft: "Sei du selbst! Das bist du alles nicht, was
du jetzt tust, meinst, begehrst." Wenn 50
Millionen Menschen etwas Dummes sagen, bleibt es trotzdem eine Dummheit. Die Gefühle der Masse sind stets
sehr einfach und sehr überschwänglich. Die Masse kennt also weder Zweifel
noch Ungewissheit. Die Menge meint, alles zu wissen
und alles zu begreifen, und je dümmer sie ist, desto weiter erscheint ihr
ihr Horizont. Die Masse will sklavisch sein,
dass ist ihr leidenschaftlicher Trieb. Sie verlangt aber, dass auch alle
anderen Menschen sklavisch sind. Wenn sie Einfluss auf das geistige
Leben hat, so setzt sie die allgemeine Sklaverei durch. Von hundert, die von "Menge" und
"Herde" reden, gehören neunundneunzig selbst dazu. Die totale Masse ist nicht bloß das
Ende des persönlichen Lebens, sie ist auch das Ende des volkhaften
Lebens.
Der Unterschied zwischen
Existieren und Leben liegt im Gebrauch der Freizeit. Die
Menschen wissen nicht mehr was Muße ist, sie sind nur noch
Freizeitverbraucher. Früher sind die Menschen für die
Freiheit auf die Barrikaden gestiegen. Jetzt tun sie es für die Freizeit. Den Wert
eines Menschen erkennt man zuverlässig daran, was er mit seiner Freizeit
anfängt. Wohl
angewandte freie Zeit heißt, dass jeder, der nicht nötig hat, für den
täglichen Unterhalt zu arbeiten, verpflichtet ist, soviel wie möglich
unbezahlte Arbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft und Menschenliebe zu
leisten. Alles Transzendente und Metaphysische ist
aus dem Leben verbannt und die entstandene Leere von der
Unterhaltungsindustrie gefüllt worden. Die
Lebenslüge der Spaßgesellschaft liegt ja darin, Inhalte durch Kommunikation
zu ersetzen. Politik und Werbung leben exemplarisch davon, und
das gar nicht mal so schlecht. Umso stärker ist in unseren unsicheren Zeiten
der Ruf nach dem Echten, nach Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit.
Wenn die Spaßgesellschaft geht, kommt dieses Wertegefüge wieder zurück.
Ernsthaftigkeit (nicht Freudlosigkeit!) sollte wieder über die
Belanglosigkeit triumphieren, die Würde über die Ironie, die Realität
über das Getue. Freizeit(-Industrie) : Die hohe
Kunst, die ausdauernden beruflichen Denkhindernisse bis in den
sogenannten Feierabend hinüberzuretten - eine freudige Fete für nette
Event-Manager, Animateure und Hoteliers - den Fließbandarbeitern des
Fußvolk-Entertainments.
Der Lehrer
zittert vor den Hören und schmeichelt ihnen, die Hörer aber machen sich
nichts aus den Lehrern und den Wächtern. Überhaupt stellen sich jüngere den
Älteren gleich und treten mit ihnen in die Schranken mit Worten wie mit
Taten. Die Alten aber setzen sich unter die Jugend und suchen es ihr
gleichzutun an Fülle des Witzes und lustigen Einfällen, damit es nicht so
aussähe, als seien sie mürrisch oder autoritär. Nichts macht Kinder
jähzorniger als eine energielose und verzärtelte Erziehung. Je mehr
Nachsicht man daher Einzelkindern schenkt und je mehr Muttersöhnchen
gestattet ist, desto verdorbener sind sie.
Keinen Widerstandswillen bei Misslichem hat, wenn nie etwas verwehrt
wurde... Doch jetzt, wenn kaum er sieben
Jahre zählt, und man nur mit der Hand ihn anrührt, wirft der Junge gleich
dem Pädagogen die Schreibtafel an den Kopf. Bringt man nun seine Klage bei
dem Vater vor, spricht dieser zu dem Söhnchen: "Halt an mich dich nur, bis
du dich gegen Unrecht selber schützen kannst." Nun muss der Lehrer her:
"Nichtsnutziger alter Kerl, dass du den Knaben ja angreifst, wenn er sich
wacker hält." Verhöhbt zieht nun der Lehrer ab mit einem in Öl getauchten
Lappen auf dem Kopf, als wär er ein Laternenstock. Bescheid ist ihm nun
geworden. Wie kann da der Lehrer irgend noch Gehorsam finden, wenn er zuerst
die Schläge kriegt? Ist kein schändlicher Werk,
als Kinder lassen nach ihrem Willen leben. Der
modische Irrtum ist, dass wir durch Erziehung jemand etwas geben können, das
wir nicht haben. Was ihr nicht habt, ist Ehrfurcht.
Ihr könnt nichts dafür. Aber ohne Ehrfurcht ist aller Geist böser Geist,
und die Gläubigkeit, mit der ein guter dummer amerikanischer Boy seine
Rudervorschriften usw. verehrt, ist fruchtbarer als die distanzlose,
ehrfurchtslose Blasiertheit und der böse Nihilismus, mit dem Ihr alles
Geistige an Euch reißt und sofort wieder wegwerft. All
zuviel Freiheit und Verantwortung empfinden Kinder als eine qualvolle und
sogar ihre Kräfte übersteigende Belastung. Von Ausnahmen abgesehen, lieben
die Kinder Sicherheit, lieben es, Halt im Rahmen unumstößlicher moralischer
Gesetze und sogar Anstandsregeln zu finden.
Die antiautoritäre Erziehung können nur Leute erfunden haben, die selber
keine Kinder haben. Der Autoritätsverfall in unserer
Zeit beruht auch auf der Feigheit, Autorität auszuüben.
Kinder hassen den, der ihnen jeden Willen tut.
Ein (zu) großer Teil von Eltern erzieht ihre Kinder heute antiautoritär.
Dies jedoch nicht mit Absicht, sondern weil sie es leider nicht besser
wissen. In der Respektlosigkeit
begegnen sich Arroganz und Ignoranz.
Bildung
soll allen zugänglich sein. Man darf keine Standesunterschiede machen. Deshalb bin ich der Ansicht,
dass unsere Jugend in den Schulen verdummt wird, weil sie nichts von dem zu
hören oder zu sehen bekommen, was man im Alltag braucht. Bildung ist nicht das Anhäufen
von Wissen, Informationen, Daten, Fakten, Fertigkeiten und Fähigkeiten - das
ist Training oder Unterricht - sondern eher das Sichtbarmachen dessen, was
als Same verborgen ist. Ich fürchte, unsere allzu
sorgfältige Erziehung liefert uns Zwergobst. Dass das Zeitalter so viel über Erziehung
schreibt, setzt gleich sehr ihren Verlust und das Gefühl ihrer Wichtigkeit
voraus. Ist es nicht lächerlich, unsere
Schulen noch Gymnasien zu nennen, wo sich Knaben eher krumm sitzen und
blass und bleich lernen, während der Körper vergessen und verkrüppelt wird?
Selbst das Wort Schule, das von griechisch scholé (Rast, Ruhe, Muße)
herkommt, kann als Widerspruch gesehen werden. Ich habe Zeit meines Lebens
Gelegenheit genug gehabt, mich zu verwundern, dass vollkommen gebildete
Personen ästhetische oder höhere sittliche Zwecke, durchaus nicht
anzuerkennen wissen. Vermöge seiner Bildung sagt der
Mensch nicht, was er denkt, sondern was andere gedacht haben und was er
gelernt hat. Eine allgemeine Staatserziehung ist
eine teuflische Erfindung, um das Volk ganz nach Schablonen zu formen. Die falsche Bildung aber, welche
den Menschen zum gebildeten Raubtier macht, kann immer nur den Einen auf
Kosten des Andern bereichern. Wir haben nicht so viel Unnützes gelernt wie
man den Kindern heute einpaukt – und drum haben wir das Glück gehabt, nicht
so viel vergessen zu müssen und nicht so nervös zu sein wie die Schulkinder
von heute. Gebildet sein heißt, sich nicht
merken lassen, wie elend und schlecht man ist, wie raubtierhaft im Streben,
wie eigensüchtig und wie schamlos im Genießen. Die Bildung wird täglich geringer,
weil die Hast größer wird. Denken lernen: Man hat auf unseren
Schulen keinen Begriff mehr davon. Das
Wertvollste, das wir einem Schüler geben können, ist eben nicht das Wissen,
sondern eine gesunde Art des Wissenerwerbs und eine gesunde Art des
Handelns. Eine Erziehung, die nicht den
Charakter formt, ist völlig wertlos. Die Schulen, so wie sie heute sind, sind
weder den Bedürfnissen des jungen Menschen, noch denen unserer jetzigen
Epoche angepasst. „Bildung ist nicht "Ausbildung für etwas",
"für" Beruf, Fach, Leistung jeder Art, noch gar ist Bildung um solcher
Ausbildung willen. Sondern alle Ausbildung "zu etwas" ist für die aller
äußersten "Zwecke" ermangelnde Bildung da – für den wohlgeformten Menschen
selbst. Dass das Zeitalter so viel über Erziehung
schreibt, setzt gleich sehr ihren Verlust und das Gefühl ihrer Wichtigkeit
voraus. Wenn meine Kinder etwas geworden
sind, dann nicht wegen sondern trotz der Schule. Die direkte Folge des
einseitigen Spezialistentums ist es, dass heute, obwohl es mehr
"Gelehrte" gibt als je, die Anzahl der "Gebildeten" viel kleiner ist als zum
Beispiel 1750. Allzuviel Freiheit
und Verantwortung empfinden Kinder als eine qualvolle und sogar ihre Kräfte
übersteigende Belastung. Von Ausnahmen abgesehen, lieben die Kinder
Sicherheit, lieben es, Halt im Rahmen unumstößlicher moralischer Gesetze und
sogar Anstandsregeln zu finden. Der modische Irrtum
ist, dass wir durch Erziehung jemand etwas geben können, das wir nicht
haben. Schulen formen den Charakter, indem
sie die Kanten abschleifen. Doch nicht Charakter, sondern Formlosigkeit war
das Ergebnis. Die Schule reduziert das Leben,
für das gelernt wird, auf das Erwerbsleben. Sie bereitet nicht auf Muße
vor. Wir trainieren Kinder wie Motoren. Unsere Leistungsschule ist auf
arbeiten fixiert und nicht auf ausspannen. Alle Welt kennt McDonald`s, aber
kein Schwein kennt Macbeth. Gedenke
des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und
all dein Werk tun; aber der siebte Tag ist der Sabbat dem Herrn, deinem
Gott: du sollst keinerlei Werk tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein
Knecht und deine Magd, und dein Vieh und dein Fremdling, der in deinen Toren
ist. Denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde gemacht, das
Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tag; darum segnete
der Herr den Sabbattag und heiligte ihn. Der Mensch ist ein beschränktes
Wesen. Unsere Beschränkung zu überdenken, ist der Sonntag gewidmet. Die lange Erfahrung eines
arbeitsvollen Lebens hat mir die tiefe Überzeugung eingeprägt, dass die
Abwechslung von Arbeit und Muße, welche durch das Institut des Sonntags
geheiligt ist, eine Notwendigkeit für den Geist und Körper des Menschen ist,
und ich glaube, es ist unerlässlich, dem Volke die Erquickung eines Ruhetags
zu geben. Nehmt den Menschen den Sonntag -
und er vertiert. Früher hieß es: Gebt der Seele
einen Sonntag! Jetzt heißt es: Gebt dem Sonntag eine Seele! Lasst euch den Sonntag nicht
nehmen... Wenn deine Seele keinen Sonntag hat, verwaist sie. Als der Teufel nicht mehr wusste,
wie gegen das Evangelium ankommen, hat er den Sport aufgebracht und sich
gesagt: Damit nehme ich ihnen den Sonntag und damit habe ich sie . . .
Ach, er hat nur zu gut spekuliert. Der Tag der Ruhe ist nicht ein
natürliches, sondern ein geheiligtes Recht des Menschen. Es gibt keine
Entproletarisierung ohne Sonntag, keinen Sonntag ohne Glauben, keinen
Glaube ohne Messe. Was kostet uns der Sonntag? Die
Frage selbst ist schon der entscheidende Anschlag auf den Sonntag. Der
Sonntag ist nämlich gerade dadurch Sonntag, dass er nichts kostet und - im
ökonomischen Sinne - nichts bringt. Die Frage, was sein Schutz als
arbeitsfreier Tag kostet, setzt nämlich voraus, dass wir gedanklich den
Sonntag bereits in einen Arbeitstag verwandelt haben. Der Sonntag bringt keinen Ertrag,
aber er macht unser Leben erträglich. Er stört unser normales Leben, damit
wir uns nicht selbst zerstören.
Könnte ich meinem Kind
etwas Besseres mit ins Leben geben? Die Religion ist die erste Lektion und
muss die Lektion aller Tage sein. Du tust gut daran, über allem
die Religion Jesus Christi zu lernen.
Wenn ein Menschenkind, wie sich ein Philosoph ausdrückt, erstens
diszipliniert, zweitens kultiviert, drittens zivilisiert und viertens
moralisiert werden muss, so muss es fünftens auch
divinisiert, das heißt zum göttlichen Leben gebildet
werden, wenn ihm anders das höchste Leben, das eigentliche Leben im
Menschenleben, nicht fehlen soll.
Eine großzügige Erziehung sollte ein ehrfürchtiges Studium
aller Religionen mit einschließen.
Das Kind hat das Recht auf
Zwiesprache mit seinem Gott.
Die neuen Häuser in der Stadt, die zum Bersten voll sind; das Rathaus, das
mit seinen Aktivitäten, Einrichtungen und Veränderungen in immer neuen
Wandlungen erscheint; die Kindergärten,
Grund- und Berufsschulen; das Arbeitsamt, die Parkanlagen und Sportstadien:
alles schweigt auf der ganzen Linie von Gott,
und zwar so total, dass ich mich dabei ertappe, die Passanten anzublicken,
ob nicht wenigstens eine Spur von Staunen bei ihnen zu entdecken ist. Doch
die Leute, die meinen Weg kreuzen, sind nicht erstaunt. Lebende Geschöpfe dürfen wir nicht wie Schuhe
Töpfe und Pfannen behandeln, die wir fortwerfen, wenn sie vom Dienst
abgenutzt und abgetragen sind. Bedenke bei jedem Anschaffen und benutzen
eines Gegenstandes, dass dieser ein Produkt menschlicher Arbeit ist und dass
du, indem du ihn verbrauchst, zerstörst, beschädigst, diese Arbeit zerstörst
und damit Menschenleben verbrauchst. Ein Gesellschaft, in der Konsum künstlich
stimuliert werden muss, um die Produktion am laufen zu halten, ist eine
Gesellschaft die auf Schrott und Abfall gegründet ist, und solch eine
Gesellschaft ist ein Haus, was auf Sand gebaut ist. Jede Werbung ist ein Appell zur
Zerstörung. Die Wirtschaft
beruht auf Profit, ihm ist praktisch die ganze Zivilisation untergeordnet:
für das Menschenmaterial interessiert man sich nur insofern, als es etwas
einbringt. Danach wirft man es weg. Die Humanität eines Landes lässt sich
daran erkennen, was in seinem Abfall landet, was an Alltäglichem, noch
Brauchbarem, was an Poesie weggeworfen, der Vernichtung für wert erachtet
wird. Millionen würden jubeln über die Lebensmittel
in unseren Mülleimern. Es ist wohl kein Zufall, dass uns
in der Wegwerfgesellschaft das Gefühl der Sinnlosigkeit besonders aggressiv
bedrängt. Sind wir womöglich selbst Teil dieser Wegwerfgesellschaft? Wer nicht arbeitet, schmachtet
vor Langeweile und ist allenfalls von Ergötzlichkeiten betäubt und erschöpft,
niemals aber erquickt und befriedigt. Der Arbeiter ist auf die Straße,
aufs Pflaster geworfen. Das macht die Arbeitslosigkeit, die schreckliche
Arbeitslosigkeit, die in den Mansarden die Totenglocke läutet. Panik
hat alle Industrie zum Stillstand gebracht, und das Geld, das feige Geld,
hat sich versteckt. Die
traurigste Erscheinung der Zivilisation und meiner Ansicht nach das größte
Eingeständnis ihres Scheiterns sind Menschen, die arbeiten können, die
arbeiten wollen und denen man nicht erlaubt zu arbeiten. Nur wer
selber darunter gelitten hat, wird das verstehen. (über die
Massenarbeitslosigkeit) Eine der
schauerlichsten Folgen der Arbeitslosigkeit ist wohl die, dass die Arbeit
als Gnade vergeben wird. Es ist wie im Kriege: wer die Butter hat, wird
frech. Das Bedrückende ist nicht die
Arbeitslosigkeit an sich, sondern das Sinnlosigkeitsgefühl. Der Mensch lebt
nicht von der Arbeitslosenunterstützung allein. Die Arbeitslosigkeit geht durchs
Land wie ein neues Regime der Furcht, das keine Stasi braucht, um die
Menschen einzuschüchtern. Wenn ein junger Mensch eine Schule
absolviert, erfolgreich eine Lehre bestanden hat und dann an Stelle eines
Arbeitsplatzes nur das Hohelied der Marktwirtschaft gesungen bekommt,
dann kann man seine Wut und sein Aufbegehren gegen diesen Staat zumindest
verstehen. Steigende Arbeitslosigkeit: Die
Reichen wollen nicht mehr Menschen, sondern nur noch das Geld für sich
arbeiten lassen. Die
moderne, hoch technisierte Kriegstechnik ist auf die Vermeidung von direktem
Kontakt angelegt: Wirft man Bomben aus 15.000 Metern Höhe ab, "spürt" man
nicht, was man damit tut. Das moderne Wirtschaftsmanagement funktioniert
ähnlich: Von einem Luxushotel aus kann man ungerührt eine Politik verfügen,
die man sich zweimal überlegen würde, wenn man die Leute kennen würde, deren
Leben man zerstört. Wehe
dem, der da baut sein Haus mit Ungerechtigkeit und seine Gemächer mit
Unrecht, der seinen Nächsten ohne Entgelt arbeiten lässt und seinen Lohn ihm
nicht gibt. Von der Hand
der Ausbeuter geht Gewalt aus. Mein Sohn,
entzieh dem Armen nicht den Lebensunterhalt, und lass die Augen des
Betrübten nicht vergebens warten! Enttäusche den Hungrigen nicht, und das
Herz des Unglücklichen errege nicht! Verweigere die Gabe dem Bedürftigten
nicht, und missachte nicht die Bitten des Geringen. Es passt sich aber nicht, dass einer
auf des andern Arbeit hin müßig geht, reich ist und wohl lebt, während es dem
Arbeitenden übel geht, wie es jetzt die verkehrte Gewohnheit ist. Der Mensch ist kein Mastvieh, und die
Liebe zum Menschen gilt mehr als die Nutzung.
Es werden allezeit
Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand
auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande. Arm ist der, der sich für arm hält. Vielleicht müssen
wir alle ein wenig ärmer werden, damit wir reicher werden. Es ist nicht leicht
für einen Menschen aufzusteigen, dessen Qualitäten durch Armut ausgebremst
werden. Nicht wer wenig hat, sondern wer viel
wünscht, ist arm. Es beschämt mich tief, wenn jemand ärmer
ist als ich. Denn ich habe die heilige Armut zu meiner Geliebten
erkoren, sie steht mir höher als alle Genüsse des geistigen und äußeren
Lebens. Wer nämlich meint, die Armut des Volkes
gewährleiste die Ruhe, irrt sich gewaltig, wie die Tatsachen lehren; denn wo
findet man mehr Gezänk als unter den Bettlern? Wer sinnt eifriger auf eine
Änderung der Dinge als der Mensch, dem es in seiner Haut nicht wohl ist? Denen, die
wirklich arm sind, muss man helfen. Wo immer es
exzessiven Reichtum gibt, herrscht im Gegenzug auch exzessive Armut. Die Armut ließe sich rasch
beseitigen, wenn sich die Wohlhabenden dadurch bereichern könnten. Armut ist die
schlimmste Form von Gewalt. Es werden so viele schöne Worte über
Freiheit geredet, aber nichts in der Welt macht so unfrei wie Armut. Wer die
Ärmsten dieser Welt gesehen hat, fühlt sich reich genug zu helfen. Reicher Mann und armer Mann standen da und
sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht
reich. Arm ist
nicht der, der wenig hat, sondern der, der nicht genug bekommen kann. Eine
Gesellschaft, in der die Familien mit Kindern Gefahr laufen, unter die
Armutsgrenze zu rutschen, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus. Um die Armen
zu verstehen, muss man unter den Armen stehen. Wenn eine freie
Gesellschaft den vielen, die arm sind nicht helfen kann, kann sie auch die
wenigen nicht retten die reich sind. Statistik: Arme werden schneller
krank, langsamer gesund und sterben früher als Begüterte. Armut lehrt
Feindschaft, kaum Feindschaft auf die, die die Armut verschulden, sondern
Feindschaft gegen die, die in der gleichen Lage sind. Dass sich die Zustände
für alle ändern könnten, scheint als Hoffnung zu verschwinden. Der einzige Krieg, den wir führen
sollten, ist der Krieg gegen die Armut. Die eigentliche Frage ist nicht, wie
viel wir den Armen geben, sondern wann wir aufhören wollen, sie zu
bestehlen. Die Armen sind nicht unser Problem: wir sind ihr Problem. Hört dies, die ihr die Armen
unterdrückt und die Elenden im Lande zugrunde richtet
und sprecht: Wann werden wir das Maß verringern und den Preis steigern und
die Waage fälschen, damit wir die Armen um Geld und die Geringen um ein Paar
Schuhe in unsere Gewalt bringen? Der Herr hat geschworen:
Niemals werde ich diese ihre Taten vergessen! Wer den Armen
unterdrückt, verhöhnt dessen Schöpfer. Wer dem Hilflosen beisteht, der ehrt
Gott. Sich abwendend von dem Bedürftigen,
plagend den Bedrückten, Fürsprecher der Reichen, ungerechte Richter der
Armen, durch und durch sündig. Mögt ihr doch, Kinder, vor diesem allem
bewahrt werden! Denn wie tief auch die Macht des
Gesetzes erschüttert, wie sehr man auch den Freiheitssinn eingeschüchtert
hat, sie brechen dennoch einmal wieder hervor. Noch keiner hat die Verknechtung
der andern und die eigene Herrschaft erstrebt, ohne nicht den Begriff der
Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Gott erinnert sich immer wieder neu
und lebendig der Kleinsten und Vergessensten. Niemand
kann das Ende einer Kette um den Hals seines Nächsten legen, ohne dass Gott
zugleich das andere Ende um den Hals des Bedrückers schlingt. Freiwillig gibt ein Unterdrücker
niemals die Freiheit; sie muss von den Unterdrückten eingefordert werden. Der edle Mensch
nimmt weitherzig Partei, aber er ist nicht parteiisch; der niedrig Gesinnte
ist parteiisch, aber er nimmt nicht weitherzig Partei. Die Fratze des Parteigeistes ist mir
mehr zuwider als irgendeine andere Karikatur. Der
Parteigeist erniedrigt die
größten Menschen bis zu den Kleinlichkeiten der großen Masse. Der Parteigeist
ist ein Prokrustes, der die Wahrheit schlecht bettet. Wer sich einer
Partei zugesellt, legt meist seinen Geistesaugen Scheuklappen an. Ein großer Staat regiert sich nicht nach
Parteiansichten. Denn einzig bei uns heißt einer, der an den
politischen Dingen überhaupt keinen Anteil nimmt, nicht ein stiller
Bürger, sondern ein nutzloser. Diejenigen, die zu
klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft,
dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst. Sobald einer über die Staatsangelegenheiten
sagt "Was geht's mich an?", muss man damit rechnen, dass der Staat verloren
ist. Was kümmert mich die Politik? Sie könnten
ebenso gut sagen: Was kümmert mich das Leben. Nicht nörgeln! Nicht
abseits stehen! Nicht beleidigt sein! Zufassen! Wer sich nicht mit Politik
befasst, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits
vollzogen: Er dient der herrschenden Partei. Warum,
mein Guter, starrst du auf dein Leid, machst es dir immer wieder klar und
frischst es auf, denkst aber nicht an das Gute, was dich umgibt? Wir kommen nie aus der
Traurigkeit heraus, wenn wir uns ständig den Puls fühlen. Wer sich dem Selbstmitleid ergibt,
kann auch nur von dieser Seite Sympathie erwarten. Es gibt
keine unbiegsameren und härteren Menschen als diejenigen, die immer mit der
Betrachtung ihres Unglücks beschäftigt sind. Was nützt
es, die Übel zu beweinen? Viel besser ist es, mit allen Mitteln zu
versuchen, sie zu beseitigen. Der Mensch liebt es, nur sein
Unglück zu beachten, sein Glück aber zu übersehen. Würde er aber richtig
sehen, so würde er erkennen, dass ihm beides beschert ist. Man muss selbst handeln und
nicht herumjammern. Wenn sich eine Tür schließt,
öffnet sich eine andere. Aber wir schauen so lange mit so viel Bedauern auf
die geschlossene Tür, dass wir die, die sich für uns geöffnet hat, nicht
sehen. Es gibt Menschen, die irgendein
geistiges oder körperliches Gebrechen, an dem sie leiden, für das
Köstlichste und Beste halten, was sie im Leben besitzen. Ihr ganzes Leben
lang machen sie sich damit zu schaffen, leben einzig und allein davon,
finden in diesem Leiden ihren Lebensnerv, klagen ständig darüber und lenken
auf diese Weise die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich, deren Mitleid
sie dann auch einheimsen. Nähme man ihnen die Krankheit, heilt man sie
davon, so würden sie unglücklich sein. Selbstmitleid ist das schlimmste
aller Übel, und wenn wir ihm nachgeben, können wir nichts gutes in der Welt
tun. Es ist eine große Tugend, sich
nicht dadurch lähmen zu lassen, dass man sich selber bemitleidet und sich
beklagt, sich nur als Opfer sieht. Man soll verstehen wollen und durch
eigenes Handeln zur Änderung beitragen. Trotz allem hat die Welt unsere
Liebe verdient, und der beste Beweis dafür ist die Erfahrung und Möglichkeit
der Freundschaft - über alles hinweg. Wir haben
uns daran gewöhnt, auf einem sehr hohen Niveau zu jammern. Leute, die auf Rosen gebettet sind,
verraten sich dadurch, dass sie immerzu über die Dornen jammern. Es gibt nichts, was Pessimismus
nicht verdrehen kann. Was gut ist, lässt du fort, führst nur das Schlimme
an. Es ist
ungerecht, bei allem, was man zu sagen hat, nur das Schlechte aufzuzählen
und die Mängel herauszustellen und dabei das Gute wegzulassen. An einen
Gott glauben und ein Pessimist sein ist ein unerträglicher Widerspruch. Die Sonne scheint und leuchtet
und erwärmt uns, und wir denken nicht daran zu fragen, warum es so ist. Aber
wir fragen nach dem Grund jeglichen Übels, des Schmerzes, des Hungers, der
Moskitos und alberner Leute. Nur das Schlechte zu sehen, ist
schlechter als überhaupt nichts zu sehen. Und wenn sie noch so genau den
Düngerhaufen beschreiben: die Wiese im Morgentau und Sonnenglanz behält doch
ihr Recht. Der Pessimismus ist nichts als
ein gescheiterter Idealismus. Wer scharf
denkt, wird Pessimist. Wer tief denkt, wird Optimist. Der Pessimismus ist eine Art
geistiger Trunksucht; er verschmäht gesunde Nahrung, frönt dem Genuss des
Haderns und Anklagens und bringt sich künstlich in einen Zustand der
Niedergeschlagenheit, der ihn nach stärkeren Mitteln greifen lässt. Der
Pessimismus ertötet den Trieb, der die Menschen drängt, gegen Armut,
Unwissenheit und Verbrechen anzukämpfen, und vertrocknet alle Quellen der
Freude in der Welt. Ich habe noch nie einen
Pessimisten nützliche Arbeit für die Welt tun sehen. Die
Angewohnheit schlecht über alles und jeden zu denken ist lästig für uns und
alle um uns herum. Das negative Denken ist das
verantwortliche Übel für den Verschleiß deiner seelischen Energie. Wir haben heut zu viele
Propheten des Pessimismus. Was wir brauchen, sind Propheten des Optimismus.
Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht;
aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut. Der
trübe Mut macht auch den Körper krank und siech. Derjenige, der Wohlstand verliert,
verliert viel; derjenige, der einen Freund verliert, verliert mehr; doch
derjenige, der seinen Mut verliert, verliert alles.
Mutlosigkeit ist nur die Verzweiflung der beleidigten Eigenliebe.
Niemals und auf keine Weise sollten wir uns entmutigen lassen. Gerade dann,
wenn wir unsere Mängel und Fehler zu erkennen in der Lage sind, haben wir
den allerwenigsten Grund, unzufrieden zu sein.
Verloren ist alles, sobald man Mutlosigkeit blicken lässt; nur die
Zuversicht, die man selbst zeigt, kann Vertrauen erwecken.
Mutlosigkeit: anständige und meist verbreitete Reaktion auf Wohlstand und
Macht. Es
gibt eine tödliche Krankheit namens Entmutigung, gegen die die Menschen sehr
strenge Vorsichtsmaßregeln gebrauchen müssen.
Wer zu Gott unterwegs ist, geht von einem Neubeginn zum anderen. Zählst du
zu den Menschen, die es wagen, zu sich selbst zu sagen: "Fang wieder an!
Streif die Mutlosigkeit ab! Sei ein lebendiger Mensch!"? Die
Mutlosigkeit ist ein ernstes Hindernis in unserem Leben, weil sie wesentlich
ein Mangel an Vertrauen darstellt. Für Christen gibt es keinen wahren Grund,
mutlos zu werden. Die große Masse der
Menschen führt ein Leben voll Verzweiflung. Was man so Resignation nennt,
ist bestätigte Verzweiflung. Die Resignation ist die schlimmste der
Tugenden. Nichts ist erbärmlicher als die
Resignation, die zu früh kommt. Hütet euch jene schwächliche Resignation,
von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt, zu befördern
oder sie gar hervorzurufen wollen. Das Resignieren der heutigen Menschen ist
bereits eine Gewohnheit geworden wie Essen, Trinken und Schlafen; und
deshalb ist es so gemein. Was für ein träges, ungeistiges Tier ist doch noch
der Mensch, und wie sehr bedarf es großer und größter Schrecken und
Trübsale, damit er nicht immer wieder in Schlaf versinke. Wahre Resignation besteht darin, dass der
Mensch in seinem Unterworfensein unter das Weltgeschehen zur innerlichen
Freiheit von den Schicksalen, die das Äußere seines Daseins ausmachen,
hindurchdringt. Die Resignation, wie sie viele Christen
glauben im Namen Gottes haben zu müssen unter der Last der Übel, ist nicht
christlich. Ich bin deswegen nicht ganz einverstanden mit dem Spruch,
den man Kranken oft ins Zimmer hängt: "Ich muß leiden, ich kann leiden, ich
darf leiden, ich will leiden." Das ist nicht wahr – ich will nicht! Das ist
eine verzwungene Geschichte. Das hätte der Heiland nie gesagt, er sagte nur:
"Ich ergebe mich", aber es ist ein stiller Protest darin. Aus der Resignation
erwachsen keine Phantasie, kein Mut und keine gerechte Tat. Resignation ist kein harmloserer Gegner der
Freiheit als der Terror. Die Reform der
Institutionen kommt zu spät, wenn das Herz der Menschen gebrochen ist. Artikel Null des Grundgesetzes lautet:
Der Besitzstand der Deutschen ist unantastbar. Reformen kommen immer von den
Benachteilgten. Wer vier Asse in der Hand hat, verlangt nicht, dass neu
gegeben wird. Nicht jede notwendige Reform muss in
endlosen Talkshowrunden zerredet werden. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir
müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Ein Volk, das lange an Bedrückung gewöhnt
war, verliert allmählich die einfachsten Begriffe der Freiheit; die
Menschen sehen sich als auf Gnade oder Ungnade ausgelieferte Geschöpfe an,
und sie glauben, alle Lasten, die ihnen von einer stärkeren Hand auferlegt
werden, seien gesetzmäßig und bindend. So genügt es dem Staat nicht, alle
Geschäfte an sich zu ziehen, er gelangt auch mehr und mehr dazu, sie alle
unkontrolliert und ohne Rechtsmittel selbst zu entscheiden. Ein Prinzip des
Totalitarismus ist die Angst; sie beginnt mit der Angst vor
Unannehmlichkeiten, dann vor Drohungen, vor der Gewaltsamkeit und
Vernichtung. Der Zustand einer freien Demokratie kennt diese
Angst schlechthin nicht. Wo sie auftritt, ist die Freiheit schon angenagt. Nicht die Diktatoren
schaffen die Diktaturen, sondern die Herden. Man kann durch Dulden schuldig werden. So,
letzten Endes, hat der totale Staat den Menschen eingesackt. Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen
keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern
sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun,
weder wissend, was er muss, noch wissend, was er soll, scheint er oftmals
nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will. So will er denn nur
das, was die anderen tun – Konformismus! Oder aber er tut nur das, was die
anderen wollen – von ihm wollen – Totalitarismus. Die Gesellschaft, von der wir alles haben,
ist eine neue Herrin, ein neuer Spuk, ein neues "höchstes Wesen", das uns
"in Dienst und Pflicht nimmt!" Diktatur ist die Herrschaft der Uniformierten
über die Uninformierten. Sobald der Staat sich absolut setzt, verfällt
er dem Gotteskomplex. Er beansprucht das Ganze (totum) und wird totalitär. Dynamit und Dolch lösen, wie uns die
Erfahrung lehrt, nur eine Gegenwirkung aus, sie zerstören die
allerwertvollste Kraft die öffentliche Meinung. In einem Staate die Opposition zu
unterdrücken oder auch nur sie zu hindern, sich zu äußern und zu zeigen, ist
eine außerordentlich schwerwiegende Sache, nämlich die Ermunterung zum
Terrorismus. Terroristen haben kein Gewissen,
da sie meinen, das Gewissen zu sein. Man darf nicht
vergessen, dass Situationen der Unterdrückung und Marginalisierung oft die
Quelle von Gewaltausbrüchen und Terrorismus sind. Wer durch die Ausführung von Terroranschlägen
tötet, hegt Gefühle der Verachtung für die Menschheit und manifestiert
Hoffnungslosigkeit gegenüber dem Leben und der Zukunft. Ich sehe keinen Unterschied zwischen Krieg
und Terrorismus. Terrorismus ist der Krieg der Armen, und Krieg der
Terrorismus der Reichen. Widerstand: Jeder Terror rechtfertigt sicht
mit objektiven Notwendigkeiten. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu
sein. Der Terrorismus, welcher Herkunft er auch
sei, ist eine perverse und grausame Entscheidung, die das unantastbare Recht
auf Leben mit Füßen tritt. Wir müssen
uns eingestehen, dass wir im Westen mindestens ebenso Teil des Problems
sind, wie wir Teil der Lösung werden können. Der Hass gegen alles
Westliche, der im Terrorismus seinen dramatischen und mörderischen Ausdruck
findet, wird schließlich nicht nur durch die wirtschaftlichen, sondern auch
durch die politischen und kulturellen Ungleichgewichte der heutigen
Weltsituation genährt. Du hast
Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst. Wie der Mensch in seiner Vollendung das
edelste aller Geschöpfe ist, so ist er, losgerissen von Gesetz und Recht,
das schlimmste von allen. Meistens gelangen die Menschen nur durch die
Folgen der Unordnung zur Einführung der Ordnung, und Gesetzlosigkeit führt
gewöhnlich erst zu Gesetzen. Das Freisein von etwas erfährt seine
Erfüllung erst in dem Freisein für etwas. Freisein allein um des Freiseins
willen aber führt zur Anarchie. Gerät ein
Staat in Anarchie, sogleich tun sich verwegene, kühne, Sitten verachtende
Menschen hervor, augenblicklich gewaltsam wirkend, bis zum Entsetzen alle
Mäßigung verbannend. Wie können die
Anarchisten nur die Schädlichkeit der Gewalt nicht erkennen? Am Ausgang
jeder Anarchie wartet geduldig die Tyrannei. Nichts
fördert so sehr die Autorität wie die Anarchie. Von der Anarchie ist es
nicht weit zum Despotismus.
Der Kommunismus beginnt direkt beim
Atheismus. Es gibt ewige Wahrheiten, wie
Freiheit, Gerechtigkeit usw.... Der Kommunismus aber schafft die ewigen
Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu
gestalten, er widerspricht also allen bisherigen geschichtlichen
Entwicklungen. Wir müssen die Religion bekämpfen. Das ist
das ABC des ganzen Materialismus und folglich auch des Marxismus. Der Kommunismus ist undemokratisch. Was er
als die "Diktatur des Proletariats" bezeichnet, ist in Wirklichkeit die
Diktatur einer kleinen Minderheit, die zu einer oligarchisch regierenden
Klasse wird. Der Individualismus sieht den Menschen nur in
der Bezogenheit auf sich selbst; aber der Kollektivismus sieht den Menschen
überhaupt nicht, er sieht nur die "Gesellschaft". Dort ist das Antlitz des
Menschen verzerrt, hier ist es verdeckt. Der Kommunismus ist so tiefgehend eine -
irdische - Religion, dass er es nicht merkt, dass er eine Religion ist. Den Menschen zu
entpersönlichen ist der vorherrschende Zug unserer Zeit. Vernichtung der christlichen Nächstenliebe,
als den gefährlichsten Feind des Kommunismus. Es gibt kein kollektives Denken. Durch menschliches Gewissen
nicht gebändigt, von Gottes Atem unberührt, sind Kapitalismus und
Sozialismus gleichermaßen widerlich. Der Anspruch, eine Welt ohne Gott zu
errichten, hat sich als illusorisch erwiesen. Von einer Ähnlichkeit zwischen Kommunismus
und Christentum kann nur reden, wer zwischen "gib her" und "gib hin" keinen
Unterschied sieht. Ausgehend davon,
dass sich kein Volk sich selbst zum Abgott machen darf, als ob sein Wirken
und nicht der Wille Gottes die Quelle aller Sittlichkeit und allen Rechtes
sei. Zivilcourage und gesunder Menschenverstand
waren im Millenium des Heldentums und der Gleichschalterei nicht gerade
dicht gesät. Wer in sakrilegischer Verkennung
der zwischen Gott und Geschöpf ... klaffenden Wesensunterschiede irgendeinen
Sterblichen . .. neben Christus zu stellen wagt, oder gar über ihn und gegen
ihn, der muss sich sagen lassen, dass er ein Wahnprophet ist. Wir lehnen als katholische Arbeiter den
Nationalsozialismus nicht nur aus politischen und wirtschaftlichen Gründen,
sondern entscheidend auch aus unserer religiösen und kulturellen Haltung
entschieden und eindeutig ab. Mittels
zweier Grundsätze wusste der Nationalsozialismus seine Gefolgschaft,
einerseits die Soldaten, andererseits die Juristen, an sich zu fesseln:
"Befehl ist Befehl" und "Gesetz ist Gesetz". Die materielle Sicherheit allein
wird nie genügen, uns glücklich zu machen. Wir sind doch Menschen, die
ihre freie Meinung, ihren Glauben haben. Eine Regierung, die an diese Dinge
rührt, hat keinen Funken Ehrfurcht mehr vor dem Menschen. Und wenn alles vorüber ist; wenn
sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen
aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn
diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des
Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde
geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die
letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind: dann wird es eines
Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. Wer heute
nur immer das tut, was er gestern schon getan hat, der bleibt auch morgen,
was er heute schon ist.
Konservativ sein, ist nicht hängen an dem, was gestern war, sondern leben,
aus dem was immer gilt. Die Menschen sind am
konservativsten, wenn sie am wenigsten tatkräftig sind und am üppigsten.
Nach dem Essen ist man konservativ.
Die entscheidende Ursache für religiösen Konservatismus ist, es lebt sich so
schön. Aller
Konservativismus beruht auf der Idee, das die Dinge so bleiben wie sie sind,
wenn man sie so lässt. Aber das ist falsch. Wenn sie, egal was, lassen wie
es ist, gebären Sie einer vollständigen Umwälzung.
Liberalismus ist durch Vorsicht gemäßigtes Vertrauen, Konservatismus ist
durch Furcht gemildertes Misstrauen der Menschen.
Wer einen Menschen tötet, tötet ein vernünftiges Wesen, ein Abbild Gottes;
aber der, welcher ein gutes Buch vernichtet, tötet die Vernunft selbst,
tötet sozusagen Gottes Abbild im Keime. Niemand hat weniger den Geist
eines Zensors als ich. Es klingt seltsam: ich billige das meiste, das ich
lese ,,, Mir, der ich weiß, wie verschieden die Dinge genommen werden
können, fällt beim Lesen meistens etwas ein, wodurch die Schriftsteller
entschuldigt oder verteidigt werden. Und wissen wir nicht aus der
Erfahrung, dass in Ländern, wo eine so willkürliche Zensur herrscht, gerade
die vortrefflichsten Bücher die ersten sind, die in den Index prohibitorum
gesetzt werden? Die Sprache der erzürnten
Impotenz. Zensur. Die Zensur ist die jüngere von zwei
schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition. Keine
ängstlich furchtsame Zensur soll den allgemeinen Umlauf der Ideen
verhindern. Zensur und Pressefreiheit werden
immerfort miteinander kämpfen. Zensur fordert und übt der Mächtige,
Pressefreiheit verlangt der Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch
seiner Tätigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert, sondern
gehorcht sein; diese wollen ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu
legitimieren. Dort
wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. Die Zensur ist das lebendige
Eingeständnis der Herrschenden, dass sie nur verdummte Sklaven treten, aber
keine freien Völker regieren können.
Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Bibliotheken, bombardiert offene
Städte, schießt mit Ferngeschützen oder Fliegerbomben Gotteshäuser ein.
Die Drohung, mit der die Fackel in den Bücherstapel fliegt,
gilt nicht dem Juden Freud, Marx oder Einstein, sie gilt der europäischen
Kultur, sie gilt den Werten, die die Menschheit mühsam hervorgebracht und
die der Barbar anhasst, weil er halt barbarisch ist, unterlegen, roh,
infantil. Das Endziel jeder Zensur ist es,
nur solche Bücher zu erlauben, die ohnedies niemand liest. Man sollte auch gute, ja,
ausgezeichnete Bücher verbieten, bloß damit sie mehr gelesen und beachtet
werden. Es ist kein Zufall, dass immer
da, wo der Geist als eine Gefahr angesehen wird, als erstes die Bücher
verboten, die Zeitungen und Zeitschriften der Zensur ausgeliefert werden.
Wenn ich alle Staaten im Geiste
betrachte und darüber nachsinne, so stoße ich auf nichts anderes, so wahr
mir Gott helfe, als auf eine Verschwörung der
Reichen, die den Namen und Rechtstitel des Staates missbrauchen, um für
ihren eigenen Vorteil zu sorgen. Individualismus ist die Sünde der
politischen Freiheit. Das Kapital ist daher
rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es
nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird. Die Bourgeoisie... hat die
persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der
zahllosen verbrieften und wohl erworbenen Freiheiten die eine gewissenlose
Handelsfreiheit gesetzt. Die Revolte des Individualismus
fand statt, weil die Tradition abgesunken oder, besser: weil eine
verfälschte Kopie an ihre Stelle getreten war. Der Kapitalismus hat unseren
Glauben an jede wirkungsvolle Kraft zerstört, außer der des durch Gewalt
unterstütztes Selbstinteresse. Der
Kapitalismus ist ungesund - sogar für Kapitalisten. Der Kapitalismus
handelt nur nach den Geboten kältester Zweckmäßigkeit. Er kennt nicht
Sentimentalität, nicht Tradition. Er würgt, wenn es sein muss, schnell und
sicher den Verbündeten von gestern ab und fusioniert mit dem Feind. Dem Menschen muss sein
übergeordneter Platz in der Gesellschaft wieder eingeräumt werden. Er darf
nie Mittel und niemals ein Ding sein, das von anderen oder auch von ihm
selbst benutzt wird. Der Ausnutzung des Menschen durch den Menschen muss ein
Ende gemacht werden, und die Wirtschaft muss der Höherentwicklung des
Menschen dienen. Das Kapital muss im Dienst der Arbeit, und die Dinge müssen
im Dienst des Lebens stehen. Kapitalismus ist keine
Wirtschafts- oder Gesellschaftsstruktur, Kapitalismus ist die Übernahme der
Regierung durch die Hochfinanz. Der moderne Kapitalismus braucht
Menschen, die reibungslos und in großer Zahl zusammenarbeiten, die mehr und
mehr konsumieren wollen, deren Geschmack jedoch standardisiert, leicht zu
beeinflussen und vorauszusagen ist. Wir brauchen eine neue Ordnung,
eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft, den Gegenentwurf zur
Diktatur des Anarcho-Kapitalismus mit seinem Shareholder Value. Bei vielen Großunternehmen
orientiert sich die Wertschöpfung nur noch an Aktienkursen. Es ist pervers,
wenn der Kurs umso höher steigt, je mehr Menschen entlassen werden.
Der
Staat kann seine ureigenen Aufgaben immer weniger wahrnehmen, weil die
öffentlichen Haushalte ausbluten. Hier wachsende Arbeitslosigkeit und Armut,
dort schamlose Selbstbedienung eines Teils der Managerkaste. Das zerstört
den gesellschaftlichen Zusammenhalt und untergräbt das Vertrauen in die
Demokratie. Der
Marktkapitalismus ist die erfolgreichste Religion aller Zeiten geworden. Es besteht die Gefahr, dass sich
eine radikale kapitalistische Ideologie breit macht, die es ablehnt, diese
(sozialen) Probleme auch nur zu erwägen. Wie der Staat zu Zeiten des alten
Kapitalismus die Pflicht hatte, die fundamentalen Rechte der Arbeit zu
verteidigen, so haben er und die ganze Gesellschaft angesichts des neuen
Kapitalismus nun die Pflicht, die gemeinsamen Güter zu verteidigen, die
unter anderem den Rahmen bilden, in dem allein es jedem einzelnen möglich
ist, seine persönlichen Ziele auf gerechte Weise zu verwirklichen. Die
Gottlosigkeit des Kapitals, das den Arbeiter als Arbeitskraft und Maschine
bis zur Zerstörung ausnützt, muss gebrochen werden. Zwischen Kapitalismus und Demokratie
besteht ein unauflösliches Spannungsverhältnis; mit beiden konkurrieren
nämlich zwei entgegen gesetzte Prinzipien der gesellschaftlichen Integration
um den Vorrang. Was als Rationalisierung
daherkommt, ist der Triumph eines ungebremsten, zynischen Kapitalismus. Der Neoliberalismus ist eine
Eroberungswaffe. Er predigt einen wirtschaftlichen Fatalismus, gegen den
jeder Widerstand zwecklos erscheint. Der Neoliberalismus ist wie Aids: Er
zerstört das Immunsystem seiner Opfer. Neoliberalismus ist die alte
Strategie, den Wehrlosen das Regime der freien Marktwirtschaft aufzuzwingen
und sich gleichzeitig auf Machpositionen zu stützen, um seine eigenen
Interessen zu schützen. Die hervorstechenden Fehler der
wirtschaftlichen Gemeinschaft, in der wir leben, sind ihr Versagen, für
Vollbeschäftigung Vorkehrung zu treffen und ihre willkürliche und unbillige
Verteilung des Reichtums und der Einkommen. Der Kapitalismus basiert auf der
merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen
Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden. Was unterscheidet den Kapitalismus
vom Kommunismus? Im Kommunismus werden die Betriebe zuerst verstaatlicht und
dann ruiniert. Im Kapitalismus werden sie erst ruiniert und dann
verstaatlicht.
Kapitalistische Gesellschaft: Wertschätzung beruht auf Wertschöpfung. Ich bekenne frei, dass mir in
einer kapitalistischen Welt eine leidende, opponierende Kirche fast a priori
eine Notwendigkeit erscheint. Das einzelne neoliberale
national-ökonomische Theoretiker dazu neigen, gleichfalls den
Arbeitsmarkt rundweg anderen Märkten gleichzusetzen, die Lohnbildung einfach
hin den angeblich zwingenden Marktgesetzen zu unterwerfen, ist
vielleicht der Punkt, in dem am allerschärfsten - jedenfalls für den
einfachen Mann am ersichtlichsten - die Unvereinbarkeit eines solchen
Neoliberalismus mit Katholische Soziallehre zum Vorschein kommt. Der heutige
Marktfundamentalismus ist eine wesentlich größere Bedrohung für die offene
Gesellschaft als jede totalitäre Ideologie. Wir müssen
klare Stellung nehmen gegen den Kapitalismus. Wir müssen das Volk darüber
belehren, dass der individualistische Kapitalismus in schroffstem Gegensatz
steht zur christlichen Soziallehre und Moral.
Alle Aufklärung ist nie Zweck, sondern
immer Mittel, wird sie jenes, so ist's Zeichen, dass sie aufgehört hat,
dieses zu sein. Philosophie sind Gedanken, die zu Ende
gedacht sind. Das ist oft langweilig. Aber der Mensch hat nur die Wahl, sich
von zu Ende gedachten Gedanken beeinflussen zu lassen oder von nicht zu
Ende gedachten. Das Letztere nennt man Kultur und Aufklärung. Säkularisierung als Mündigwerden der Welt
erlaubt nicht mehr den Missbrauch der Religion als Ausrede, sondern will den
Gebrauch des Glaubens im Weltbezug. Die Suche nach Gründen [in ethischen Debatten], die auf
allgemeine Akzeptabilität abzielen, würde nur dann nicht zu einem unfairen
Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit führen und die säkulare
Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung
abschneiden, wenn sich auch die säkulare Seite ein Gefühl für die
Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrte. Die Grenze zwischen
säkularen und religiösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb sollte die
Festlegung dieser umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe
verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der
jeweils anderen einzunehmen.
Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger
auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential
absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in
religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen. Eine
liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern
erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus
der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen. Als sich Sünde in Schuld, das
Vergehen gegen göttliche Gebote in den Verstoß gegen menschliche Gesetze
verwandelte, ging etwas verloren. Vieles spricht dafür, dass das
moralische Programm der Aufklärung bei Abkopplung von seinen religiösen
Ursprüngen auf Dauer nicht tragfähig ist. Nach der Aufklärung ist das
Abendland wissenschaftlich zwar ein Riese geworden, aber seelisch und
religiös ein Baby geblieben. Wir werden immer aufgeklärter und
fallen immer mehr ins Mittelalter zurück.
Mein
Freund, ich begreife nicht, warum sie sich weigern, an Gott zu glauben, denn
an die Menschen zu glauben, ist doch unmöglich. Der Atheismus in Frankreich ist
eine Religion und der Antiklerikalismus eine Kirche. Bis jetzt wenigstens hat die
Abschaffung Gottes die Menschen noch nicht menschlicher gemacht, und dies
war doch das übereinstimmende Ziel und die einhellige Hoffnung aller
modernen Religionskritik - der neuzeitliche Atheismus versteht sich bewusst
als Humanismus. Der
gott-lose Humanismus hatte allzu oft inhumane Folgen, und in den
Schreckenserfahrungen unseres Jahrhunderts - zwei Weltkriege, Gulag,
Holocaust, Atombombe - erwies sich der Weg von der Humanität ohne
Divinität zur Bestialität oft als kurz. Das Humanum des Menschen ist uns
sehr wichtig. Aber gerade um es vor der Vergöttlichung und Überforderung
zu bewahren, ist die Erinnerung an die Geschöpflichkeit sehr wichtig. In der Zwischenzeit hat sich
freilich erwiesen, dass nicht nur die Sexualität,
sondern auch die Religiosität verdrängt werden kann, dass die ältesten,
stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit, die Freud zufolge die Stärke
der Religion ausmachen, besser nicht als reine Illusionen abqualifiziert
werden sollten; dass in einer Zeit allgemeiner Orientierungs- und vielfacher
Sinnlosigkeit gerade der Gottesglaube zu definitiver Sinnerfüllung im Leben
und auch im Sterben verhelfen kann, aber auch zu unbedingten ethischen
Maßstäben und zu einer geistigen Heimat.
Gebt acht, dass euch keiner durch die Vorspiegelung
höherer Erkenntnisse betrügt. Das alles ist von Menschen erdacht. Was sie
über die kosmischen Mächte sagen, hat mir Christus nichts zu tun. Der Mensch liebt die Gesellschaft,
und sollte es auch nur die von einem brennenden Rauchkerzchen sein. Man tut nicht wohl, sich all zu
lange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es
exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige
belehrt.
Folgerichtig gedacht ist der Pantheismus nur eine höfliche Form des
Atheismus. Denn wenn man behauptet, Gott und Welt seien dasselbe, so kommt
dies letzten Endes auf das gleiche hinaus, als wenn man sagen würde: Es gibt
nur eine Welt, aber es gibt keinen Gott. Der Satz des
Pantheismus: “Gott und die Welt sind eins” ist bloß eine höfliche Wendung,
dem Herrgott den Abschied zu geben. Monismus und Pantheismus, mögen sie
auch noch so tief und noch so fromm sein, führen nicht in das letzte Rätsel
der Religion hinein. Das Rätsel der Religion ist,
dass wir Gott in uns anders erleben, als er uns in der Natur entgegentritt.
In der Natur erfassen wir ihn nur als unpersönliche Schöpferkraft, in uns
aber als ethische Persönlichkeit. Neben den Drogen, die heute
viele Tausende und vielleicht Millionen vergiften, wird unser Verstand
obendrein durch die rund um den Globus verbreitete Emission
pseudokosmischen Unsinns befallen. Das Fischernetz Petri ist gerissen.
Es hat erschreckend große Löcher erhalten. Und jene, die durch das
Fischernetz Petri fallen, werden von den fein gesponnenen Maschen des
Netzwerks des New Age aufgefangen, das für alles eine Masche hat – außer für
das Kreuz. Das Okkulte zieht Anhänger wie
ein Magnet das Metall an, denn es lässt dem religiösen Instinkt tief in
unserer Person die Zügel, aber stellt keine Ansprüche an ihn hinsichtlich
Liebe, Heiligkeit oder Dienst am Nächsten. Die Vielen glauben mal dies und mal das. Die
Fachleute bezeichnen das als „Patchwork-Religion“, also eine Art in
Heimarbeit hergestellter Flickenteppich, der im Laufe des Lebens auch neuen
religiösen Herausforderungen angepasst werden kann. Eins aber darf diese Art
von Religion nicht: die eigenen Lebensziele, den individuellen Spielraum
einengen. Und damit sind diese religiösen Gefühle, die auch vorübergehend ad
acta gelegt werden können, um dann später in vielleicht anderer Form wieder
aufzutauchen, nicht geeignet, unserem Leben in ernsten Zeiten Halt und
Orientierung zu geben. New Age
stellt das "Selbst" des Menschen ganz in die Mitte. "Sie werden sich selber
retten, wenn Sie die kosmischen Kräfte dafür einsetzen." Doch trotz der
Gesellschaft aller Sternbilder, aller östlichen Religionen und Gurus, aller
Glücksrezepte, trotz eines endlosen Fächers psychologischer Techniken und
all der mehr oder weniger wissenschaftlichen Einsichten bleiben wir im New
Age völlig allein, Man muss sich selber helfen, sich selbst erlösen. Für New Age ist Glauben bloße
Selbsterfahrung. Wiesehr ich auch meine, mich selbst zu übersteigen oder
weite Ausblicke zu genießen, ich werde doch stets gegen die Glaswand meines
eigenen Ichs prallen wie ein Vogel in einem gläsernen Käfig. Selbst die
vermeintliche vollkommene Entfaltung des Ich wird dieser Gefangenschaft
nicht entrinnen. Wir sind als Volk vom Pantheismus zum
Panatheismus übergegangen. Ein wenig Dalai Lama, ein bisschen
Marienwallfahrt, ein Schuss protestantischer Antiklerikalismus, ein großer
Löffel Esoterik und drei Körnchen Hildegard von Bingen, angerichtet auf
einem Salatbett aus Wir-haben-doch-alle-den-gleichen-Gott. Der letzte Schritt
der Vernunft ist anzuerkennen, dass es unendlich viele Dinge gibt, die über
sie hinausgehen. Daran erkenne ich den gelehrten
Herrn! Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern, was ihr nicht fasst, das
fehlt euch ganz und gar, was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr,
was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, was ihr nicht münzt, das,
meint ihr, gelte nicht! Armer
Mensch, an dem der Kopf alles ist! Es ist das Schicksal unserer Zeit,
mit den ihr eigenen Rationalisierung und Intellektualisierung, vor allem:
Entzauberung der Welt, dass gerade die letzten und sublimsten Werte
zurückgetreten sind aus der Öffentlichkeit, entweder in das hinterweltliche
Reich mystischen Lebens oder in die Brüderlichkeit unmittelbarer Beziehungen
der Einzelnen zu einander. Wahrheit
als emphatische, menschlichen Irrtum überdauernde, lässt aber vom Theismus
sich nicht schlechthin trennen. Sonst gilt der Positivismus… Nach
ihm heißt Wahrheit Funktionieren von Berechnungen, Gedanken sind Organe,
Bewusstsein wird jeweils so weit überflüssig, wie die zweckmäßigen
Verhaltensweisen durch die es vermittelt war, im Kollektiv sich
einschleifen. Wir reduzieren die Dinge auf "bloße
Natur", damit wir sie erobern können. ... Solange dieser Prozess kurz vor
dem letzten Stadium halt macht, können wir noch der Meinung sein, der Gewinn
überwiege den Verlust. Sobald wir aber den letzten Schritt tun und unsere
eigene Gattung auf die Stufe der bloßen Natur herabsetzen, wird der ganze
Vorgang widersinnig: denn diesmal ist das Wesen, das daraus Gewinn ziehen
sollte, und jenes, das geopfert wird, ein und dasselbe. Aber ich
weiß, dass nichts, was für den Menschen wahrhaft von Bedeutung ist, sich
errechnen, wägen, messen lässt. Die wahre Weite hat nichts mit dem Auge zu
tun, sie offenbart sich nur dem Geist. Der Forscher klopft an, und die Tür
geht nicht auf. Sobald er sich anschickt, das Geheimnis des Lebens zu
entdecken, verschleißt sich ihm das Leben vollständig. Er jagt der
Materie nach und verlor sie im Elektron. Er jagte dem Bewusstsein nach und
verlor es in elektrischen Gehirnwellen. Über seinen Gleichungen und ihnen
gegenüber steht klar, fest und ungebrochen die Sphäre der Schönheit, des
Geistes, der Liebe und des Bewusstseins, für die es keine Forschungsmittel
naturwissenschaftlicher Art gibt. Es gibt zwei Arten von
Geschichte: Die eine ist die offizielle, geschönte, jene die gelehrt wird,
eine Geschichte ad usum delphini; und dann ist da die andere geheime
Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt, eine
beschämende Geschichte.
Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Einzug gefunden hat in die
Geschichtsbücher der Besiegten und von der nachfolgenden Generation geglaubt
wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden. Und wenn alle
anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle
Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein
und wurde Wahrheit. Es gibt nur eine Sünde, die gegen die
ganze Menschheit mit allen ihren Geschlechtern begangen werden kann, und
dies ist die Verfälschung der Geschichte. Die
Geschichte lehrt, wie man sie fälscht.
Der
Fortschritt besteht nur in einer immer klareren Beantwortung der Grundfragen
des Lebens. In unserer Zeit herrscht ein
schrecklicher Aberglaube, er besteht darin, dass wir begeistert jede
Erfindung aufgreifen, welche die Arbeit erleichtert, und glauben, sie
unbedingt nutzen zu müssen, ohne uns die Frage vorzulegen, ob diese die
Arbeit erleichternde Erfindung unser Glück vermehrt oder vielleicht
Schönheit zerstört. Ich glaube nicht an den
Fortschritt, sondern an die Beharrlichkeit der menschlichen Dummheit. Das blinde Vertrauen in die
Technik hat einen Schock erlitten. (über den Untergang der Titanic) Der
moderne Mensch glaubt an die Macht der Technik und der Maschine, und manches
mal scheint es, dass Maschine und Technik die einzigen Gegenstände seines
Glaubens geworden sind. Trunken von den Fortschritten des
Wissens und Könnens, die über unsere Zeit hineinbrachen, vergaßen wir, uns
um den Fortschritt in der Geistigkeit der Menschen zu sorgen. Man kann den frohen
Fortschrittsglauben nicht teilen und kann dennoch das Gute wünschen und
fördern, man kann an die Lösbarkeit von Problemen nicht glauben und kann
dennoch ihre vernünftige Behandlung wünschen und ihr dienen. Der Fortschrittsgedanke der
Zivilisation hat sich als ein Übermut des Menschen entschleiert; der
Fortschritt beschränkt sich heute auf für unser Bewusstsein auf rationale
Wissenschaft und Technik, die zweideutig im Dienste des Guten wie des Bösen
stehen. Wird der
Mensch der Technik nachwachsen? Dieser Wissenschaftsfetischismus
geht Hand in Hand mit einem erkenntnistheoretischen Vorurteil - dass nämlich
unsere Erkenntnis eines Seienden umso gewisser sei, je niedriger dieses
metaphysisch steht. Der technologische Fortschritt hat
uns lediglich mit wirksameren Mitteln zum Rückschritt versehen. In einer wirklich freiheitlichen
Gesinnung bleibt jener Begriff des Unendlichen als Bewusstsein der
Endgültigkeit des irdischen Geschehens und der unabänderlichen Verlassenheit
des Menschen erhalten und bewahrt die Gesellschaft vor einem blöden
Optimismus, vor dem Aufspreizen ihres eigenen Wissens als einer neuen
Religion. Den Jüngsten Tag der
Zivilisation werden wir ihrem unaufhaltsamen Fortschritt verdanken. Die
Menschheit verzichtet auf keinen Fortschritt, der ihr schadet. Wir dürfen uns von einem
erfindungswütigen Zeitalter nicht einreden lassen, es gebe nur eine Art des
Fortschritts, nämlich den technischen. Wenn geschrieben wird "Es lebe der
Fortschritt!", dann frage stets: "Der Fortschritt
wessen?" Uns werden
ständig Fortschritte eingeredet, die sich in Wirklichkeit als schwerwiegende
Rückschritte erweisen. Für die jungen Leute von heute
ist allein die Wissenschaft wahr, weil sie das Wahre mit den Fakten
verwechseln und daran glauben, dass die einzige Gestalt der Vernunft die
ist, die ich instrumentell nenne, oder dass sie die anderen aufhebt. Mich beeindruckt die
Gläubigkeit, mit der sich die Menschen von jeder neuen Entwicklung die
Rettung der Welt erhoffen. Gestern war es Systems Dynamik, heute sind es
die Expertensysteme - und immer wieder verspricht man sich von der neuen
Technik die Lösung aller Probleme. Das beweist mir, dass die Menschen zur
Technik kein vernünftiges Verhältnis haben. Der
Begriff der Wahrheit ist praktisch aufgegeben und durch den des Fortschritts
ersetzt worden. Der Fortschritt selbst "ist" die Wahrheit. Der ewige, allmächtige,
allgütige Fortschritt, dieser große Gott der modernen Ideologien mit seinen
strengen Geboten "Du sollst immer mehr, immer besser, immer schneller", hat
sein fatales Doppelgesicht enthüllt und der Fortschrittsglaube seine
Glaubwürdigkeit verloren. Grenzen verrücken sie, rauben die
Herde und weiden sie (selbst); den Esel der Waisen treiben sie weg und
pfänden das Rind der Witwe... Sie reißen von der Mutterbrust die Waise, und
zu Lasten des Armen pfänden sie. Nackt gehen die Armen, ohne Kleid, und
hungernd tragen sie die Garbe. Zwischen ihren Steinen pressen sie Öl, treten
die Kelter und leiden doch Durst. Deutschland steht, wie andere
Industriestaaten auch, unter dem Druck eines global agierenden Kapitals, das
durch seine Investitionsentscheidungen jede Regierung erpressen kann... Es
geht jetzt darum, wie man einen Rechts- und Sozialstaat unter diesem Druck
funktionsfähig erhalten kann. Mit der Globalisierung der
Wirtschaft hält die Dritte Welt in den reichen Nationen selbst Einzug,
wächst die Tendenz zu einer zweigeteilten Gesellschaft, in der große
Bereiche unwichtig werden, weil sie zur Bereicherung der Privilegierten
nichts beitragen. Die Globalisierung gestalten
kann nur, wer klare Wertvorstellungen jenseits des Wirtschaftlichen hat. Wir
müssen uns darüber klar werden, wie wir Freiheit und Gerechtigkeit für alle
Menschen in Zeiten der Globalisierung sichern und fördern können. Solange die Globalisierung nach dem
gegenwärtigen Muster betrieben wird, läuft sie auf Entziehung
demokratischer Gestaltungsrechte hinaus. Da ist es nicht weiter
verwunderlich, dass sie auf Widerstand stößt, insbesondere bei denen, denen
Mitspracherechte entzogen werden. Der
internationale Handel und die globalen Finanzmärkte sind sehr gut im
Hervorbringen von Reichtum, aber nicht, wenn es um die sozialen
Erfordernisse wie Friedenssicherung, Armutsbekämpfung, Umweltschutz,
Arbeitsbedingungen oder Menschenrechte geht. Die Globalisierung hat uns einander
näher gebracht in dem Sinn, dass wir alle von den Handlungen anderer
betroffen sind, aber nicht in dem Sinn, dass wir alle die Vorteile wie auch
die Lasten teilen. Stattdessen haben wir zugelassen, dass sie uns immer
weiter auseinander treibt, indem sie das Wohlstandsgefälle und die
Machtunterschiede zwischen den Gesellschaften wie auch im Inneren der
Gesellschaften verstärkt. Eine solche Entwicklung spricht universellen
Werten Hohn. Die globalisierte Wirtschaft führt
zwangsläufig zur Forderung nach einer "Spreizung" des Einkommensgefälles. Im
Klartext: Die Ärmeren müssen mit ihren Ansprüchen zurückstehen, damit die
Reichen sich im Lande wohl fühlen und vor allem nicht ihr Kapital abziehen.
Eine neue Epoche, die Ära des globalen Kapitalismus, bricht an und sie wird
die Entwicklung der Gesellschaften in den nächsten Jahrzehnten bestimmen. Der
Ungerechte ist immer voller Gier. Weil die
Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Der höchste Grad von
Ungerechtigkeit ist geheuchelte Gerechtigkeit. Das ist doch unbillig, dass, wer
wenig hat, dass der dem Reichen immer noch zulegen soll! Nichts, dem die Gerechtigkeit
mangelt, kann moralisch richtig sein.
Ungerechtigkeit besteht nicht weniger im Unterlassen als im Handeln. Wahr aber
bleibt, dass die größte Ungerechtigkeit von denen ausgeht, die das Übermaß
verfolgen, nicht von denen, die die Not treibt. Man wird ja nicht Tyrann, um
nicht zu frieren. Auf
zweifache Weise wird die Gerechtigkeit verdorben: durch die falsche Klugheit
der Weisen und durch die Gewalt dessen, der Macht hat. Du siehst, dass dein Bruder
Ungerechtigkeit leiden muss, aber dein Herz rührt sich nicht, wenn nur deine
Habe unversehrt ist. Warum fühlt deine Seele nichts? Doch offenbar, weil sie
tot ist. Die Ungerechtigkeit ist uns nur
in dem Falle angenehm, dass wir Vorteile aus ihr ziehen; in jedem andern
hegt man den Wunsch, dass der Unschuldige in Schutz genommen werde. Wenn wir über bürgerliche
Ungleichheit klagen, so sind alsdann unsere Augen nach oben gerichtet,
wir sehen nur diejenigen, die über uns stehen und deren Vorrechte uns
beleidigen; abwärts sehen wir nie bei solchen Klagen. Lass dein Leben zum
Reibungswiderstand gegen Ungerechtigkeit werden! Die politische Freiheit hat das
Volk nicht vor sozialer Ungerechtigkeit bewahrt. Bei der Ungerechtigkeit, die dir
begegnet liegt 50 Prozent an den Umständen, 25 Prozent an der Unwissenheit
und Gedankenlosigkeit der Mensche und nur 25 an wirklicher Böswilligkeit. Die Armen
sind auf Gerechtigkeit angewiesen, die Reichen auf Ungerechtigkeit. Ungerechtigkeit irgendwo ist
eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall. Wir sind in einem
unentrinnbaren Netzwerk der Gegenseitigkeit gefangen, in einem einzelnen
Gewand der Bestimmung verknüpft. Alles, was einen direkt betrifft, betrifft
alle indirekt. In gewisser Weise
flexibilisieren wir die Arbeit auf Kosten der nächsten Generation. Es ist
Sache der Politik, dafür zu sorgen, dass aus der Chance Einzelner die Chance
der Einzelnen wird. Die
gleichen Rechte müssen umgesetzt werden in gleiche Chancen. Chancengleichheit besteht nicht
darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine
Leiter bekommt. Für mich sind die Menschen in
ihrer Würde gleich, aber nicht in ihren Lebenschancen. Da gibt es furchtbare
Diskrepanzen. Die Politik ist dazu da, diese so weit es geht auszugleichen. Von Chancengleichheit kann nur die
Rede sein, wenn alle am selben Punkt starten. Die Weltwirtschaft war früher
ein Wettrennen zwischen Ochsenkarren und Auto, heute zwischen Ochsenkarren
und Flugzeug. Wie sollen wir da mithalten können?
Bist du ein Ausländer, so musst du
Schmach hinunterschlucken. Die
Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch
Fremdlinge in Ägyptenland gewesen. Einerlei Recht soll unter euch
gelten für den Fremdling wie für den Einheimischen. Wer das Recht des Fremden verletzt,
der verletzt das Recht Gottes. Dein Christus ist ein Jude, dein Auto ein
Japaner, deine Pizza italienisch, deine Demokratie griechisch, dein Kaffe
brasilianisch, dein Urlaub türkisch, deine Schrift lateinisch, deine Zahlen
arabisch … und dein Nachbar nur ein Ausländer? Überall, wo Fremde selten sind,
werden sie gut aufgenommen. Das Land,
das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter. Der ist
nicht fremd, der teilzunehmen weiß.
Euer Landsmann ist ein Eigensinn und ein Besserwisser, der sich dem neuen
Lande, drin er nun lebt, nicht anbequemen und alles nach der Weise seiner
alten Heimat anordnen und regeln will.
Er gehorcht wohl, weil er im Gehorsam erzogen ist, aber es ist ein toter
Gehorsam, und ein toter Gehorsam ist unfruchtbar.
Gott zählt auch die Ausländer. Fremdenfeindlichkeit zeugt nur
von eigener Schwäche.
Wir alle
... wissen sehr genau, dass der Rassismus die Opfer entwürdigt und die Täter
entmenschlicht. Jede Art von Rassismus führt
unweigerlich zum Zermalmen des Menschen. Der
Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher
oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines
Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt
werden sollen. Eine schwere Schuld lastet auf
uns für das, was die Weißen aller Nationen den Farbigen angetan haben. Wenn
wir ihnen Gutes tun, ist es kein Wohlwollen - es ist Wiedergutmachung. Die Apartheit ist der Inbegriff
des Rassismus, der Unterdrückung und der Unmenschlichkeit aller
vorangegangenen weißen Herrschaftsregime. Keine
menschliche Rasse steht über der anderen, kein religiöser Glaube ist
mindertwertig. Alle kollektiven Urteile sind falsch. Nur Rassisten treffen
diese. Die Sklaverei bleibt
niederträchtig, sosehr man sie durch die Hoheit des Herrn beschönigen
möchte. In
Christus Jesus gibt es keine Sklaven … Kauft sie, und nachdem ihr ihnen eine
Kunst beigebracht habt, durch die sie sich ernähren können, lasst sie frei. Es gibt ein Sprichwort, dass wir an
den Menschen so tun sollen, wie sie an uns tun sollen, ohne das wir
Unterschiede wegen ihres Alters, ihrer Abstammung oder Hautfarbe machen.
Die, die Menschen stehlen und rauben, und die, die sie kaufen oder erwerben,
sind sie nicht gleich? Ich würde all mein Frieren, Hunger,
Leiden und Mühsal vergessen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, diesen
verfluchten Handel zu beenden. Der allmächtige Gott hat mir zwei
Ziele gesetzt: die Abschaffung der Sklaverei und die Besserung der Sitten in
England. Der Mensch
kann weder vererbt noch verkauft, noch verschenkt werden; er kann niemandes
Eigentum sein, weil er sein eigenes Eigentum ist und bleiben muss. Wenn immer ich jemanden für die
Sklaverei argumentieren höre, dann fühle ich einen starken Impuls es an ihm
selbst ausprobiert zu sehen. Die abstumpfenden Wirkungen der
Sklaverei auf die moralischen Vorstellungen des Skavenhalters sind bekannt
und auf der ganzen Welt eingestanden; und eine privilegierte Klasse, eine
Aristokratie, ist nur eine Bande von Sklavenhaltern unter einem anderen
Namen. So, wie man der Natur hat Gewalt
antun müssen, um die Sklaverei einzuführen, so hat man sie völlig ändern
müssen, um dieses Recht fortzupflanzen, und die Rechtsgelehrten, die
zuversichtlich behauptet haben, das Kind eines Sklaven sei zum Sklaven
geboren, haben, mit anderen Worten, geurteilt, ein Mensch sei nicht zum
Menschen geboren. Die
Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, sogar den Wunsch, sie
abzuschütteln; sie lieben ihre Knechtschaft wie die Genossen des
Odysseus ihre Tiergestalt. Die
Sklaven der entwickelten industriellen Zivilisation sind sublimierte
Sklaven, aber sie sind Sklaven.
Kommt es euch wohl zu, Menschen zu
verbrennen, weil sie von einer Rasse abstammen, die ehemals ein kleines
steiniges Land in der Nähe der Syrischen Wüste bewohnte? Was schert es euch,
ob ein Mann eine Vorhaut hat oder nicht, ob er seine Osterandacht bei
Vollmond im April hält oder am Sonntag darauf? Die Katholiken lehnen den
Antisemitismus als solchen grundsätzlich und bewusst ab. Der
Antisemitismus ist das Kennzeichen einer zurückgebliebenen Kultur. Wir sind
uns heut bewusst, dass wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht
mehr gesehen haben. Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an ihren Namen
„Jude“ hefteten. Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleisch zum zweiten Mal
ans Kreuz schlugen. Wir wussten nicht, was wir taten. Der Antisemitismus ist das
Gerücht über die Juden. Nur wer für die Juden schreit, darf
auch gregorianisch singen. Was helfen uns alle Proteste und
alle Einsätze um spezifische christliche oder kirchliche Eigentümlichkeiten,
wenn vor unsern Augen der Mensch entwürdigt wird? Der Bruder Jude ist der ältere
Bruder der Kirche. Er ist von aller Mitschuld am Tode Christi
freizusprechen. Die
meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selbst aus als über ihren
Gegner, den sie nicht kennen.
Wie könnte
einer Feind der Frau sein - sie sei, wie sie wolle? Mit ihren Früchten wird
die Welt bevölkert, darum lässt Gott sie lange leben, auch wenn sie noch so
garstig wäre. Ich werfe unserer
Zeit vor, dass sie starke und zu allem Guten begabte Geister zurückstößt,
nur weil es sich um Frauen handelt. Wenn Gott, als
er den Mensch formte, gedacht hätte, dass die Frau etwas Schlechtes sei,
dann hätte er sie dem Menschen nicht zur Gesellschaft gegeben, noch hätte er
sie aus ihm gemacht. Ich möchte bei Gott, dass alle Menschen diese
Wahrheit verstehen, dass Frauen, wenn sie wollen, vollkommen sein können,
und wenn sie uns nicht glauben machen würden, dass wir nichts tun können und
dass wir "nur Frauen" sind, könnten wir große Dinge tun. Männer, die
sich vom Umgang mit Frauen fernhalten, hören auf, liebenswürdig zu sein. Sie ist aus einem Land, wo die Frauen
keine Menschen sind, sondern Dinge, mit denen man tut, was man will, die man
verkauft, die man kauft, die man tötet, kurz deren man sich für seine Launen
bedient, wie ihr euch hier eurer Möbel bedient. Ohne Rücksicht auf die tatsächlichen
Fähigkeiten des Einzelnen glaubt der Mann, dass er das Recht hat zu befehlen
und die Frau die Pflicht zu gehorchen. Die Frau wurde Sklavin, ehe der
Sklave existierte. Wo immer die Frau
unterdrückt wurde, geschah es niemals, weil sie schwach war, sondern weil
sie als mächtig erkannt und gefürchtet wurde - mit Recht. In einer Religion, die das Fleisch
verflucht, erscheint die Frau als die furchtbarste Versuchung des Teufels. Ein Mannweib ist überall ebenso lächerlich
wie ein weibischer Mensch. Nur selbständige Weiblichkeit, nur sanfte
Männlichkeit ist gut und schön. Ein Weib soll ihre
Weiblichkeit nicht ausziehen wollen. Ich würde mir lieber alle Denkmäler Londons,
so hässlich sie auch sind, zum Abendessen einladen, als mich einmal einem
Disput auszusetzen mit einer Frauenrechtlerin. Alle Eigenschaften eines Mannes, die der
Frau nützen, nennt sie männlich, und alle, die ihr nicht nützen und auch
sonst niemandem, nennt sie weibisch. Wenn Frauen unter
Emanzipation die Übernahme der männlichen Rolle verstehen, dann sind wir in
der Tat verloren. Dass die Männer acht Jahre früher sterben als
die Frauen, stört den hoch entwickelten Gleichheits- und Gerechtigkeitssinn
der Feministinnen seltsamerweise nicht im geringsten. Die emanzipierte Frau wird zum dritten
Geschlecht. Zu Feministinnen werden die Frauen, die sich
für geringer als Männer halten und sich damit nicht abfinden können. Die Emanzipation der Frau führt nicht zu
einer Erhöhung der Frau, sondern zu einer
Verdoppelung des Männlichen. Wer missgünstig ist, ist auch
schlecht gegen sich selbst. Neid sieht nur das Blumenbeet, nie
den Spaten. Die Scheelsucht ist die Quelle der
Zwietracht. Der Hang der menschlichen Natur
zu Neid und Missgunst ist so groß, dass man sich über die Vorzüge, die
andere besitzen, mehr betrübt als über seine eigenen freut. Anderen gefällt mehr was wir, uns
was die anderen haben. Der Neid beurteilt nach dem Schein,
nicht danach, was dahinter steckt. Neid ist der Krebs der Seele. Neidisch sind die Menschen vor allem auf
Gleichgestellte oder unter ihnen Stehende, wenn sie merken, das sie selbst
zurückgeblieben, jene aber zu ihrem Leidwesen emporgestiegen sind. Du wirst dem Neid entgehen, wenn du nicht die
Blicke auf dich ziehst, wenn du mit deinem Besitz nicht prahlst, wenn du es
verstehst, dich heimlich zu freuen. Der Gute kennt keine Missgunst gegen
irgendein Gutes. Die unversöhnlichste Art des Hasses
ist der Neid. Sonst machen Wohltaten die Feindseligen ruhiger; den
bösartigen Neider regen aber Wohltaten nur noch mehr auf. Je größere
Wohltaten er empfängt, desto größer wird sein Ärger, Verdruss und Unwille.
Größer ist sein Ärger über die Macht des Wohltäters als sein Dank für
empfangene Wohltaten. Keine Leidenschaft ist für die
Seele des Menschen verderblicher als der Neid, der zwar andere sehr wenig
betrübt, aber für den, der damit behaftet ist, das größte, eigentlich das
Grundübel ist. Denn wie der Rost das Eisen, so verzehrt der Neid die Seele,
die mit ihm behaftet ist. Aus dem Neid entstehen Hass, üble
Nachrede, Verleumdung, Freude am Unglück des Nächsten und Missfallen an
seinem Wohlergehen. Die Ehrgeizigen sind leichter
neidisch. Ähnlich sind auch die Kleinmütigen neidisch, da sie alles für
wichtig halten: und alles was immer einem anderen an Gutem widerfährt, sie
glauben sich gewaltig übervorteilt. Wer an den Neid der Menschen
appelliert, findet fast immer Gehör. Neid ist eine Art Lob. Der Neid kann sich nicht verbergen.
Er klagt an und verurteilt, ohne Beweise zu haben; er übertreibt die Fehler;
er hat maßlose Namen für die geringsten Irrtümer, und seine Sprache ist voll
Bitterkeit, Übertreibung und Missgunst. Mit unerbittlichem Hass und rasender
Wut stürzt er sich auf jedes wirkliche Verdienst; er ist blind, jähzornig,
gefühllos, brutal. Es ist doch kaum etwas in der Welt,
das den Menschen so durch und durch verdirbt und in allem, was er ist und
tut, entstellt und hässlich macht, wie der Neid. Der Neid, der redet und lärmt, ist
immer ungeschickt; was man fürchten muss, ist der Neid, der schweigt. Ein freier Mensch ist nicht
neidisch. Neid ist ein Eingeständnis der
Minderwertigkeit. Es ist kein Mensch, den nicht um
irgendetwas Hunderttausende, ja Millionen beneiden können. Wir mögen keinem gerne gönnen, dass
er was kann, was wir nicht können. Beneide niemanden, denn du weißt
nicht, ob der Beneidete im stillen nicht etwas verbirgt, was du bei einem
Tausche nicht übernehmen möchtest. Die Menschen könnten sich eine
Menge Neid sparen, wenn sie wüssten, wie's dem anderen wirklich geht. Der größte Teil des Volkes tut
Dinge, von denen er nicht weiß, warum er sie tut. Wenn alle das gleiche denken, denkt
keiner richtig. Es
ist weit leichter, dem gebildeten Pöbel zehn neue Lügen aufzubinden, als ihm
einen einzigen seiner liebgewordenen Irrtümer als solchen zu entlarven. Wir leben im
Zeitalter der Überarbeiteten und Untergebildeten, einem Zeitalter, in dem
die Leute derart geschäftig sind, dass sie völlig verdummen. Und
so hart es klingt: Solche Leute verdienen ihr Los. Das
Kennzeichen der modernen Zeit ist die metaphysische Verdummung des Menschen.
Wer in diesem Business Erfolg haben will, der darf nicht belehren,
aufklären, fragen - er muss unterhalten, bestätigen, verdummen. Die
Menschen werden von keinem Medium verdummt. Sie werden nur in ihrer Dummheit
bestätigt.
Stelle den Freund zur Rede, denn
oft ist's Verleumdung, und nicht jedem Gerede glaube dein Herz. Du sollst kein falsches Gerücht
verbreiten. Redet nicht schlecht voneinander. Wenn dein Nachbar verleumdet wird,
höre es an und sage dir: "Ich warte auf die Verleumdung gegen mich." Die Verleumdung tötet drei
Mensch: den Verleumder selbst, den, der die Verleumdung mit anhört, und den
Verleumdeten. Denn sich wechselseitig nur giftig
anzuschwärzen, ist der Frauen Lust. Ein Mitbürger oder Nachbar muss es
gesagt haben; meist sind es diese Leute, die Anzeige erstatten; durch sie
werden die meisten verraten. Kühn verleumden - etwas bleibt
immer hängen. Verunglimpfungen sind für den, der
sie ausspricht, schimpflicher als für den, dem sie gelten. Erfährst du, dass jemand
schlecht über dich gesprochen hat, so überlege, ob du es nicht zuerst getan
hast und über wie viele du selbst sprichst. Ich kenne sogar Menschen, deren
Ohren von Verleumdungen ebenso angenehm gekitzelt werden, als ob man sie mit
einer Pfauenfeder streicheln würde. Schütze die Abwesenden gegen
Verleumdungen. Es liegt in der Natur des Menschen,
Verleumdungen und Anklage gern zu hören, aber verdrießlich zu sein, wenn
einer sich selbst lobt. Doch wir horchen allein dem
Gerücht und wissen durchaus nichts. Die schweigende Verachtung, mit der
man einer Verleumdung oder Unbill begegnet, ist gewöhnlich ein heilsameres
Gegenmittel als Empfindlichkeit, Zwist oder Rache. Glaube nie etwas Schlechtes über
jemanden, es sei denn du weißt sicher, dass es wahr ist. Erzähle selbst das
nicht, es sei denn du fühlst, dass es absolut notwendig ist - und das Gott
zuhört, wenn du es erzählst. Die Tochter des Neides ist die
Verleumdung. Sprich nie Böses von einem
Menschen, wenn du es nicht gewiss weißt! Und wenn du es gewiss weißt, so
frage dich: Warum erzähle ich es. Wenn deine Gegenwart makellos
ist, so untersucht man deine Vergangenheit. Weil er seine eigenen Pflichten
immer vernachlässigte, so behielt er Zeit übrig, zu sehen, wer von seinen
Mitbürgern seine Pflichten vernachlässigte, um es der Obrigkeit anzuzeigen. Nichts macht die Menschen
vertrauter und gegen einander gutgesinnter als gemeinschaftliche Verleumdung
eines Dritten. Wenn etwas Liebloses in deiner
Gegenwart gesagt wird, sprich entweder zu Gunsten des Abwesenden, oder zieh
dich zurück, oder beende, wenn möglich, das Gespräch. Gerichte können kein Gerücht zum
Schweigen bringen. Einen großen Mann zu verleumden,
ist die naheliegendste Art für einen kleinen Mann selbst mehr Aufmerksam zu
erlangen. Es ist immer etwas für einen
Esel, durch das Weitergeben eines Gerüchtes auch einmal interessant zu
werden und sich selber so vorzukommen. Wo Nachrichten fehlen, wachsen
die Gerüchte.
Tadle nicht,
bevor du untersucht hast, prüfe erst - und dann urteile. Lass dich nicht
durch Vorurteile bestimmen und begünstige keinen. Verurteile
keinen Menschen und halte kein Ding für unmöglich, denn es gibt keinen
Menschen, der nicht seine Zukunft hätte, und es gibt kein Ding, das nicht
seine Stunde bekäme. Ein Vorurteil ist schlimm, weil
ihm das Urteil fehlt. Mache dich von deinen Vorurteilen
los, und du bist gerettet. Dem erbärmlichen Geist ist es zu eigen,
stets nur Klischees und niemals eigene Einfälle zu verwenden. Wenn es
ein Übel ist, irgend einen Menschen vorschnell und unwahr zu beurteilen, um
wie größer ist die Sünde, ein ganzes Volk zu verdammen. Vorurteil, Eitelkeit, Berechnung
beherrschen die Welt; wer nur Vernunft, Wahrheit, Gefühl folgt, hat fast
nichts gemein mit der Gesellschaft. Er muss in sich selbst sein ganzes Glück
suchen und finden. Das Vorurteil ist recht für den
Menschen gemacht, es tut der Bequemlichkeit und der Eigenliebe Vorschub,
zweien Eigenschaften, die man nicht ohne die Menschheit ablegt. Vorurteil ist das Kind der
Unwissenheit. Es ist nichts jämmerlicher, als
Leute unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, mittlerweile sie allein nach
Vorurteilen handeln. Es ist nie zu spät, unsere
Vorurteile aufzugeben; auf keine Ansicht, keine Lebensweise, und sei sie
noch so alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen. Die Menschen sind
voreingenommen, wenn sie Zuneigung und Liebe empfinden; sie sind
voreingenommen, wenn sie verachten und abgeneigt sind; sie sind
voreingenommen, wenn sie Ehrfurcht und Hochachtung empfinden; sie sind
voreingenommen, wenn sie überheblich und unbarmherzig sind. Es gibt
ein Prinzip, das eine Schranke gegen jede Information, ein Beweis gegen alle
Argumente ist und nicht darin fehlen wird, einen Menschen in immerwährender
Unwissenheit zu halten - dieses Prinzip ist Verachtung vor Untersuchung. Wir alle verachten Vorurteile,
aber wir sind alle voreingenommen. Ich hatte ungeheuer vieles noch
nicht gesehen und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits
verurteilte. Ein Urteil lässt sich widerlegen,
ein Vorurteil nie. Wer anders
glaubt, ist schlecht; wer anders denkt, ist dumm. Es sind die vorgefassten
Meinungen, die es den Völkern so schwer machen, einander zu verstehen, und
die es ihnen so leicht machen, einander zu verachten. Das Auge sieht nur, was der
Verstand sehen möchte. Welch triste Epoche, in der es
leichter ist ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil! Wenige sind imstande, von den
Vorurteilen der Umgebung abweichende Meinungen gelassen auszusprechen; die
meisten sind sogar unfähig, überhaupt zu solchen Meinungen zu gelangen. Ein Mensch wähnt manchmal ohne
Grund, der andre sei ein Schweinehund, und hält für seinen Lebensrest an
dieser falschen Meinung fest. Man kann Dummheit sorgfältig durch
Erziehung zu Vorurteilen herbeiführen. Antikatholizismuss ist das
letzte respektable Vorurteil. Man kann keine schwarzen Menschen mehr hassen,
natürlich, und man kann keine Homosexuellen, aber man kann alle Katholiken
hassen, die man will. Du sollst
kein falsches Gerücht verbreiten. Vor drei
Dingen bebt mein Herz, und vor dem vierten fürchte ich mich sehr: vor
Stadtklatsch, Volksauflauf und Verleumdung - dies alles ist widerwärtiger
als der Tod. Verbürg dich nicht für Worte,
die du nur von Gerüchten her kennst. Doch wir horchen allein dem Gerücht
und wissen durchaus nichts. Wer fremde Vergehen weitersagt,
wird seine eigenen zu hören bekommen. Die Herabsetzung der andern
findet willige Ohren. Wir dürfen nicht bloß selbst nichts
Unziemliches sprechen, sondern derartigen Worten auch nicht unser Ohr
leihen. Wer vergnüglich zuhört, reizt den ändern zum Reden. Niemand
redet so, wenn wir zugegen sind, wie er in unserer Abwesenheit redet. Die meisten Menschen können sich in
Gesellschaft nur auf Kosten anderer unterhalten. Es ist immer etwas für einen Esel,
durch das Weitergeben eines Gerüchtes auch einmal interessant zu werden und
sich selber so vorzukommen. Gerücht: Lieblingswaffe des
Charaktermörders. Es wird wenige geben, welche, wenn
sie um Stoff zur Unterhaltung verlegen sind, nicht die geheimeren
Angelegenheiten ihrer Freunde preisgeben. Wir sind die geborenen
Polizisten: was ist Klatsch andres als Unterhaltung von Polizisten ohne
Exekutivgewalt! Es ist so
leicht, unwillkommene und unliebsame Gedanken zurückzuweisen, und schon hat
man seine Ruhe wieder. Da
die Menschen kein Heilmittel gegen den Tod, das Elend, die Unwissenheit
finden konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, darauf verfallen,
nicht daran zu denken. Wenn wir nur etwas, das uns
Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen können, da glauben wir schon,
nun sei es abgetan. Wir schließen die Augen beim Beginn
des Übels, weil es uns gering erscheint. Aber in dieser Schwäche liegt der
Keim unserer Niederlage. Weil, so
schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf. Es ist nicht gut, vor
Wirklichkeiten zu tun, als ob sie nicht wären, denn dann rächen sie sich. Wir
unterdrücken das Gewahrwerden von Tatsachen, wenn sie bestehenden Ideen oder
Interessen zuwiderlaufen, die wir nicht bedroht sehen möchten.
Die lebensrettende Funktion der Verdrängung in der Kindheit verwandelt sich
später beim Erwachsenen in eine lebenszerstörende Macht. Wer sich der
Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue
Ansteckungsgefahren. Wenn das Jahrtausend beginnt, das
nach dem Jahrtausend kommt Wird der Mensch mit allem Handel treiben. Jedes
Ding wird seinen Preis haben Baum, Wasser und Tier. Nichts wird mehr
wahrlich geschenkt sein, und alles wird verkauft werden. Die Ware
Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.
Aus kommerzieller Sicht, wäre es nötig Weihnachten zu erfinden, wenn es
nicht existieren würde. Wenn
sich eine Regierung anschickt, alle Sphären zu beherrschen, nennt man das
Totalitarismus. Wenn Religion das tut nennt man das Theokratie. Aber wenn
der Kommerz das tut, nennen wir es plötzlich Freiheit. Auf dem Sozialmarkt wird
der bedürftige Mensch Mittel zum Gelderwerb, er wird missbraucht.
Die Kommerzialisierung der Kindheit. Immer mehr Dienste, die
bisher unserer privaten Welt angehörten, werden plötzlich professionalisert
- Dienste, die früher keine Preisschilder trugen sondern aus Freundschaft,
Liebe, Verantwortungsbewusstsein oder Barmherzigkeit verrichtet wurden. Geschickte Reden und eine zurechtgemachte
Erscheinung sind selten Zeichen von Mitmenschlichkeit. Beim Menschen kommt es überhaupt nicht darauf
an, wie viel Acker er unter dem Pflug hat, wie viel Kapital er ausleiht, von
wie viel Menschen er gegrüßt wird, auf wie kostbarem Bett er liegt, aus wie
funkelndem Becher er trinkt, sondern wie gut er ist. Halte nie einen für
glücklich, der von äußeren Dingen abhängt. Du siehst dich bald betrogen, wenn du
Menschen nur nach ihrer äußerlichen Erscheinung beurteilst. Wir bestehen aus lauter Äußerlichkeiten; wir
denken an das äußere Gebaren und vernachlässigen darüber das Wesentliche. Nie habe ich das Vorgehen jener billigen
können, die bei Äußerlichkeiten beginnen, um den Menschen zu bessern: bei
Haltung, Kleidung oder Frisur. Mir scheint im Gegenteil, man muss beim
inneren Menschen anfangen. Mensch, alles außer dir, das gibt dir
keinen Wert. Das Kleid macht nicht den Mann, der Sattel macht kein Pferd. Die Äußerlichkeiten sind für die Narren
die Hälfte des Lebens; und deshalb erweist sich mehr als ein Mann von
Talent ungeachtet seines ganzen Geistes als ein Narr. Auf unserer Erdenwelt hängt oft alles von
den Äußerlichkeiten ab, mit denen man sich in Szene setzt. Es ist eine große
Torheit, um nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d. h. für
Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz
oder großen Teils hinzugeben. Überhaupt aber tragen glänzende,
rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen
Misston im Innern, schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unseres
Daseins laut widersprechen. Wenn du einzig und allein an der Oberfläche
lebst, wenn dich nur dein Außen interessiert, deine Aufmachung, dein
Aussehen, und dein Ansehen, dann hängt dein Glück an einem launischen
Pendel: heute glücklich - morgen unglücklich, heute in Stimmung - morgen
verzweifelt. Wir kleiden uns mit
Äußerlichkeiten, um die Nacktheit unserer Seele zu vertuschen. Zu grelles
Licht gefährdet das Sehen. Übermäßiger Lärm betäubt das Gehör. Zu starkes
Gewürz verdirbt den Geschmack. Übergroße Erregung stumpft das Gefühl. Wenn wir zu allen Stunden
grausige Geschehnisse mit ansehen und mit anhören müssen, so verlieren wir
schließlich, selbst die von Natur Zartesten unter uns, durch die ständige
Folge der quälenden Eindrücke, jegliches Empfinden für Menschlichkeit. Ständige
Beanspruchung führt zu Abstumpfung und Erschöpfung. Der große
Feind der Sittlichkeit ist die Abstumpfung. Nicht gleichgültig werden. Es gehört zu den
Gefahren unserer Kultur, dass wir durch die Massenmedien seelische
Schocks bekommen und dann abgestumpft werden.
Der größte
intellektuelle Reichtum kann neben der größten moralischen Armut bestehen. Wer einmal warm gebettet ist, vergisst gern,
wie es Leuten zumute ist, denen es am Notwendigsten fehlt. Die Leuchte des Geistes ohne Wärme des
Herzens wird oft zum Irrlicht. Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir
nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind. Gefühlskälte ist kein Zeichen von Vernunft. Ich glaube, dass der
erschreckende Verfall im ethischen Verhalten der Menschen in erster Linie
mit der Mechanisierung und Entpersönlichung unseres Lebens zu tun hat
- ein verhängnisvolles Nebenprodukt der Entwicklung des
wissenschaftlichen Geistes. Nostra culpa! Ich sehe nicht den Weg, um diesem
verhängnisvollen Mangel beizukommen. Der Mensch erkaltet schneller, als der
Planet auf dem er sitzt. In einer Welt der Gewalt und Gefühlsarmut
hat das Erwachsenenalter viel von seiner Autorität und seiner Aura verloren,
und die Idee des Respekts gegenüber Älteren wirkt für die meisten
Heranwachsenden schon fast lächerlich. Der schützende Firnis, mit dem sich der
gute, kaltblütige Praktiker umgibt, um der inneren Auslaugung
widerstehen zu können, bekommt Sprünge, wenn der Schlag zu heftig ist. Wer Kälte ausstrahlt, der kann nur Kälte
erwarten. Eine bedenkliche Nebenwirkung der
Vergötterung des Überflusses ist die überhand nehmende Erzeugung von
Gefühlskälte.
Ich nehme das
Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Nichts bringt
Gott so sehr auf, als Unbarmherzigkeit. Wenn bei
einem Menschen das Herz einmal hart ist, so ist es aus. Was er auch sonst
Gutes hat, man kann nicht mehr auf ihn zählen. Gott hat euch zur
Freiheit berufen, Brüder! Aber missbraucht sie nicht als Freibrief für
Selbstsucht und Lieblosigkeit. Infolge des allgemeinen Mangels an
gegenseitiger Liebe bei den Menschen überwältigen die Starken die Schwachen,
verhöhnen die Reichen die Armen, lassen die Vornehmen die Geringen ihren
Übermut fühlen und betrügen die Schlauen die Dummen. Führen wir alles Elend,
alle Übergriffe, alle Unzufriedenheit und allen Hass in der Welt auf ihren
Ursprung zurück, so entspringen sie alle aus dem Mangel an gegenseitiger
Liebe. Wenn es an der Liebe
fehlt, wozu dient der ganze Rest? Suche den, der Liebloses spricht, auf sanfte
Art umzustimmen; weißt du etwas Gutes über die Person, von der gesprochen
wird, dann erzähle es. Die Erfahrung lehrt, dass
Weichlichkeit und Nachsicht gegen sich selbst und Hartherzigkeit gegen
andere dasselbe Laster sind. Der Mensch sieht oft nur zu spät
ein, wie sehr er geliebt wurde, wie vergesslich und undankbar er war und wie
groß das verkannte Herz. Gib nie einen Menschen oder die
Hoffnung auf ihn lieblos auf. Die Hartherzigkeit versieht uns mit
strengen, korrekten Grundsätzen: man schützt Prinzipien vor, um eine Bitte
abzuschlagen. Die größte Vergeudung unseres Lebens besteht
in der Liebe, die nicht gegeben wurde. Die Lieblosigkeit ist nicht nur
die größte, sondern auch die häufigste Sünde unter den Menschen. Wenn ich die Liebe nicht habe, was habe
ich dann schon? Geld? Genuss? Überfluss? Was mache ich denn damit? Was bin
ich denn damit? Nichts! Würdest du deinen Fuß auf den Mond setzen,
hättest aber die Liebe nicht, du hast keine Ahnung von der Sonne. Würdest du
alle Geheimnisse des Mars erforschen, hättest aber die Liebe nicht, es
leuchtet kein Stern in deinen Augen. Würdest du alles Geld der Welt
besitzen, hättest aber die Liebe nicht, dein Herz ist von Stein. Würdest
du deinen Namen in allen Sprachen nennen hören, hättest die Liebe aber
nicht, bist du für alle Menschen tot. Hättest du die Liebe nicht, du
bist tot. Wir sind an unserem
Bruder schuldig geworden. Wir haben zugesehen, wie er sich um sein Leben
ängstigte. Gleichgültigkeit
bringt Verarmung und großen Mangel; ja, Gleichgültigkeit ist die Mutter des
Hungers. Sie sprachen: 'Was
geht das uns an? Da siehe du zu'!" Ich mag keineswegs
jene gewissen Seelen, die nichts lieben und bei allen Ereignissen unbewegt
bleiben und das tun aus Mangel an Kraft und Herz oder aus Geringschätzung
des Guten und des Bösen.
Gleichgültigkeit verstößt mehr gegen unsere menschliche Pflicht als
Eigennutz. Gleichgültigkeit an die Stelle der
Liebe? Das heißt: nichts an die Stelle von etwas. Misstraue dem, der alles gut
findet, dem der alles schlecht findet und noch mehr dem, der allem gegenüber
gleichgültig ist. Wo Mäßigung ein Fehler ist, das ist
Gleichgültigkeit ein Verbrechen. Die moralische Gleichgültigkeit ist die
Krankheit der kultivierten Leute. Gleichgültigkeit jeder Art ist
verwerflich, sogar die Gleichgültigkeit gegen uns selbst. Nicht im Hass
offenbart sich die schlimmste Sünde gegen unsere Mitmenschen, sondern in der
Gleichgültigkeit; sie ist die Wurzel der Unmenschlichkeit. Die Gleichgültigkeit ist eine Lähmung der
Seele, ein vorzeitiger Tod. Wir essen und trinken ruhig, während
Mitmenschen neben uns verhungern und verdursten, wir gehen fröhlich in
Freiheit herum, während Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir
können uns in jeder Weise freuen, während um uns in jeder Weise gelitten
wird, und wenn wir selbst leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem
Schicksal darum zu hadern. Oh, dass unser Herz und Geist mit den Zeiten
verwandelt würden und diese bittere Hässlichkeit von uns abfiele und wir
aus Kindern Erwachsene würden. Es gibt kaum eine größere Enttäuschung,
als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen
Menschen kommst. Die Wissenschaft hat Mittel zur
Behandlung der meisten Krankheiten gefunden. Aber sie hat noch kein
Heilmittel für das schlimmste aller Übel entdeckt - die Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist die mildeste
Form von Intoleranz. Der Mensch muss die Gleichgültigkeit
abtun, welche die Dinge selbstverständlich nimmt. Eurem Bruder wird Gewalt angetan, und ihr
kneift die Augen zu; der Getroffene schreit laut auf, und ihr schweigt? Der
Gewalttätige geht herum und wählt sein Opfer und ihr sagt: uns verschont er,
denn wir zeigen kein Missfallen. Was ist das für eine Stadt, was seid ihr
für Menschen? Wenn in einer Stadt ein Unrecht geschieht, muss ein Aufruhr
sein. Und wo kein Aufruhr ist, da ist es besser, dass die Stadt untergeht
durch ein Feuer, bevor es Nacht wird! Die Freiheit der Gleichgültigkeit ist der
niedrigste Grad der Freiheit. Kaum ein Zeitalter ist seelisch so
primitiv wie das unsere. Gleichgültigkeit ist das größte Laster unserer
Zeit, die zivilisierte Form der Roheit. Unser heutiges Problem ist nicht unsere
Verderbtheit, sondern meiner Meinung nach unsere Gleichgültigkeit ( ... )
uns selbst und der Zukunft gegenüber. Gleichgültigkeit ist die sicherste Stütze
aller Gewaltherrschaften. Seine Gleichgültigkeit tarnte sich mit dem
tugendhaften Mantel der überlegenen Gelassenheit. Ein Recht gestehe ich keinem zu: das auf
Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass,
sondern Gleichgültigkeit, das Gegenteil von Leben nicht Tod, sondern die
Gefühllosigkeit. Nicht gegen die Gleichgültigkeit
protestieren, das ist die erste Unterlassungssünde. Die zweite wird folgen:
Du wirst zum Mittäter. Undankbarkeit ist schlimmer als Diebstahl. Nur wenige sind nach Erhalt der Sache
dankbar. Das Laster der
Undankbarkeit entspringt entweder aus Geiz oder aus Argwohn. In seiner göttlichen Güte erwäge ich -
vorbehaltlich eines besseren Urteils -, dass unter allen vorstellbaren Übeln
und Sünden die Undankbarkeit eines der vor unserem Schöpfer und Herrn und
vor den Geschöpfen, die seiner göttlichen und ewigen Ehre fähig sind, am
meisten zu verabscheuenden Dinge ist, weil sie Nichtanerkennung der
empfangenen Güter, Gnaden und Gaben ist, Ursache, Ursprung und Beginn aller
Sünden und aller Übel. Die Undankbarkeit ist wie das Unglück: die
eine zieht das andere nach sich. Die beste Definition
für Mensch lautet: undankbarer Zweibeiner. Undankbarkeit
beginnt mit dem Vergessen, aus dem Vergessen folgt Gleichgültigkeit, aus der
Gleichgültigkeit Unzufriedenheit, aus der Unzufriedenheit Verzweiflung, aus
der Verzweiflung der Fluch. Den Dankbaren zeigt Gott den Weg zu
seinem Heil. Lass Dich fragen, ob Dein Herz durch Undank so mürrisch, so
träge, so müde, so verzagt geworden ist. Der am besten
behandelte, am meisten bevorzugte und intelligenteste Teil jeder
Gesellschaft ist oft der undankbarste. Die Unglücklichen sind undankbar: das ist
Teil ihres Unglücks. Wie sieht es denn in der Welt aus?
Die Menschen lassen sich von ihrer Selbstsucht
treiben, sie sehen etwas und wollen es haben, sie sind stolz auf Macht und
Besitz. Das alles kommt nicht vom Vater, sondern gehört zur Welt. Ein Mensch, der nur an sich denkt und in
allem seinen Vorteil sucht, kann nicht glücklich sein. Wer in seiner Selbstsucht verharrt,
bleibt allein. Viele suchen bei allem, was sie tun,
insgeheim nur sich selbst, ohne es zu merken. Denn es bedenke ein
jeder, dass er in allen Dingen des Geistes so weit Fortschritte macht, als
er herausspringt aus seiner Eigenliebe, seinem Eigenwillen und seinem
Eigennutz. Die Selbstsucht stirbt erst eine halbe
Stunde nach unserem Tod. Der Mensch, welcher nur sich selbst liebt,
fürchtet nichts so sehr, als mit sich allein zu sein. Egoisten sind wir alle, der eine mehr, der
andere weniger! Der eine lässt seinen Egoismus nackend laufen, der andere
hängt ihm ein Mäntelchen um. Der Egoismus besteht
darin, sein Glück auf Kosten anderer zu machen. Der Mensch ergibt sich der Illusion des
Egoismus, lebt nur für sich und leidet. Sobald er beginnt, für andere zu
leben, leidet er weniger und empfängt das höchste Glück der Welt: die Liebe
der Menschen. Der Mensch weiß es nie an sich selber,
wenn er aus Selbstsucht handelt, er dichtet sich in allem Tun seines Lebens
edlere Beweggründe an Nur andere Menschen können unser Leben
erfüllen. Hat es nur uns selbst zum Inhalt, so bleibt es leer. Die meisten Menschen denken desto mehr an
sich, je weniger sie von sich sprechen. Das große Werk: den Knoten des Egoismus
der Welt zu lösen. Sobald der Knoten gelöst ist, werden die Menschheit
und der Kosmos ihre Fülle erreicht haben. Es sind alle
Dinge so durcheinander, dass jeder mit seiner Lage unzufrieden ist und
lieber irgendwo anders wäre, als wo er gerade ist. Wir sind nie unzufriedener mit
anderen, als wenn wir unzufrieden mit uns selbst sind. Das ist es,
was euch in solches Elend stürzt: Mit dem eigenen Geschick unzufrieden,
strebt ein jeder im Geiste nach dem höchsten Glück. Was du nicht
hast, dem jagst du ewig nach, vergessend, was du hast. Alle
Unzufriedenheiten über, das was wir wollen, scheinen der Undankbarkeit zu
entspringen, für das was wir haben. Er ist ein Mann, dem man es nie recht
machen kann, weil er mit sich selbst nicht zufrieden ist. Wir denken selten an das, was wir
haben, aber immer an das, was uns fehlt. Wer mit sich
selbst nicht zufrieden sein kann, der kehrt gerne diese Unzufriedenheit
gegen alle andern Leute, statt gegen sich selbst. Das Vergleichen
ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. Das Gute,
das man hat, nimmt man als selbstverständlich hin, und von dem, was einem
fehlt, macht man mehr, als man bei richtiger und dankbarer Betrachtung
daraus machen sollte. Ist ein Mensch unzufrieden, fehlen
ihm die Möglichkeiten, sich zu äußern und das zu zeigen, was an Gutem in ihm
steckt. Es fällt
einem unzufriedenen Menschen schwer, nicht in einem anderen und ganz
besonders nicht in seinem Nächsten den eigentlichen Urheber seiner
Unzufriedenheit zu sehen. Wer mit sich
unzufrieden ist, ist fortwährend bereit, sich dafür zu rächen. "Könnt' ich
nur meine Umgebung wechseln, dann wäre ich glücklich!" So spricht mancher
launische Mann, manches launische Weib. Ihr selber seid eure Umgebung und
wohin ihr geht, schleppt ihr euch und sie mit. Werdet anders und besser —
und eure ganze Welt wird besser sein! Die maßlose
Unzufriedenheit ist fast ein Kennzeichen unserer Tage. Immer mehr und immer
mehr zu erlangen, ist unmöglich, und kein Mensch in der Welt soll glauben,
dass man dadurch glücklich wird, wenn einem jeder Wunsch erfüllt wird. Dann
hat man überhaupt keine Freude mehr am Leben und keine Freude an der Arbeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, das
es keine größere Unzufriedenheit gibt, als die der Reichen. Sie wollte
schon immer etwas Besonderes sein, jetzt ist sie besonders unzufrieden. Ich war ein
Kind, aber ich wollte erwachsen sein - die Freiheit und den Respekt der
anderen genießen. Ich war zwanzig, aber ich wollte gerne dreißig sein - reif
sein und kultiviert. Ich war mittleren Alters, aber ich wollte gerne zwanzig
sein - oh schöne Jugend und Unbekümmertheit! Ich war im Ruhestand, aber ich
wünschte mir das mittlere Alter - die Geistesgegenwart und die
Grenzenlosigkeit. Jetzt bin ich alt, aber ich habe im Leben nie bekommen,
was ich mir wünschte.
Belaure nicht die
Wohnstatt der Frommen, verstöre sein Ruhelager nicht! Wer keine Scham kennt, den zähle ich zu den
Verlorenen. Ich wundere mich nicht, dass die Menschen
böse sind, aber ich wundere mich häufig, dass sie sich nicht schämen. Viele sind geistreich genug und voller
Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um sich von der
kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine
Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig. Heutzutage schämt man sich beinahe, dass
man sich immer noch für Dinge schämt, für die man sich auch früher geschämt
hat. Laut Sigmund Freud ist Schamlosigkeit ein Zeichen von Schwachsinn.
Damit wäre dann schon fast alles über 'Big Brother'. Wir leben in einer Zeit die keine Grenzen
mehr kennt. Weder die des guten Geschmackes, noch die der Intimsphäre. Der
Gott der maßlosen Vermarktung fordert Opfer. Sicher besteht ein Zusammenhang zwischen
der Auflösung des Schamgefühls und dem sukzessiven Zerfall von
Familienstrukturen. Die Körperscham beispielsweise ist ja nichts anderes
als die Einschränkung sexueller Signale zum Wohle einer intakten
persönlichen Beziehung. Heute legt man keinen großen Wert auf exklusive
Partnerbindungen, also ist es auch sinnlos, sexuelle Reize zu privatisieren. Jemand sagte kürzlich: "Ich bekomme 100 000,
um zu schauspielern, und sechs Millionen für den Verlust meiner
Privatsphäre". Deine Frau wird in der Stadt zur Hure werden. Beim Schreiben ist
es wie bei der Prostitution. Zuerst macht man es aus Liebe, dann für ein
paar Freunde und schließlich für Geld. Wie kann es doch in der Welt so
niederträchtige Mannsbilder geben, die eine Kostbarkeit, die nur unser Herz
bezahlen sollte, dem Elende abkaufen und von einem ausgehungerte Munde
zärtliche Küsse der Liebe annehmen! Überall, wo der Mensch sich verkaufen
will, findet er Käufer. Intimes Beieinander ohne Liebe ist eine Lage,
in der meine Seele jede Stunde entehrt wird. Es gibt Menschen, die wie Rousseau sogar bei
Dirnen von falscher Scham gepackt werden, sie gehen nicht wieder zu ihnen,
denn solche Mädchen hat man nur einmal, und dieses eine Mal ist widerlich. Ich erinnere mich, dass mir gleich dort, an
Ort und Stelle, bevor ich noch das Zimmer verlassen hatte, ganz traurig
zumute wurde, so traurig, dass ich nahe daran war zu weinen. Zu weinen um
meine verlorene Unschuld, um das für immer zerstörte Verhältnis zum Weib. Denn es ist ein Mangel an Würde, wenn man
sich allen Leuten hingibt. Als pervers und
liederlich gelten die Mädchen, die von ihrem Körper leben, nicht aber die
Männer, die sich ihrer bedienen.
Wenn die Familie in
Ordnung ist, wird der Staat in Ordnung sein; wenn der Staat in Ordnung ist,
wird die große Gemeinschaft der Menschen in Frieden leben. Die Unordnung der
Gesellschaft kommt von der Unordnung in der Familie. Die Ansicht, dass das Zusammenwohnen
freier Männer mit freien Weibern ohne Vermählungsfeierlichkeiten keine
natürliche Verderbnis enthalte, wird von allen Völkern der Welt durch die
menschlichen Sitten selbst als irrig widerlegt; denn sie halten die
Feierlichkeiten der Ehe aufs Sorgfältigste und bezeugen damit, dass jenes
ein tierisches Vergehen, wenn auch von niederem Grade sei. Der Reiz des Familienlebens ist das beste
Gegengift gegen schlechte Sitten. Die Frauen mögen nur erst wieder Mütter
werden, bald werden die Männer auch wieder Väter und Gatten sein. Wer Schweine
aufzieht, ist ein produktives, wer Familienmitglieder
aufzieht ein unproduktives Mitglied unserer Gesellschaft. Es ist nicht
der Staat, nicht die Schule, nicht irgend etwas andres, des Lebens
Fundament, sondern das Haus ist es. Nicht die Lehrer bilden das Leben,
sondern Hausväter und Hausmütter tun es. Nicht das öffentliche Leben ist die
Hauptsache, sondern das häusliche Leben ist die Wurzel in allem. Die Familie ist
es, die unsern Zeiten Not tut, sie tut mehr Not als Kunst und Wissenschaft,
als Verkehr, Handel, Aufschwung, Fortschritt oder wie alles heißt, was
begehrenswert erscheint.
Auf der Familie ruht die Kunst, die Wissenschaft, der menschliche
Fortschritt, der Staat. Die wirtschaftlichen Probleme der
Industrienationen haben ihre Ursache partiell in der seelischen Schwächung
der jungen Generation. Die Zunahme der negativen Sozialindikatoren:
Kriminalität, Suchterkrankungen, Geburtenschwund und Ehescheidung sowie die
unzureichende Leistungsfähigkeit vieler Jugendlicher, die bereits bei
Kindern in den ersten Grundschuljahren sichtbar wird, ist mit bedingt durch
die wachsende Instabilität der Familien. Hier ist in den vergangenen
dreißig Jahren eine Einbuße an seelischer Gesundheit entstanden, die zu
einem millionenfachen Potential von depressiven Charakterstrukturen geführt
hat. Von der
Natur des Menschen können wir uns nicht emanzipieren. Wenn ein
politisches Programm versucht, die Zweigeschlechtlichkeit zu
destabilisieren, sie gar aufzulösen, so ist das dumm und gefährlich.
Vordergründige Ziele und hintergründige Strategien des Gender-Mainstreaming
bedürfen einer gründlichen öffentlichen Diskussion. Gender Mainststreaming - der Begriff
dient dazu, die Geschlechtsrollen von Mann und Frau aufzulösen. Er
unterstellt, dass jede sexuelle Orientierung gleichwertig ist und von der
Gesellschaft akzeptiert werden muss. Die Gender-Ideologie hat sich hinter
dem Rücken der Öffentlichkeit von der EU über die staatlichen Institutionen,
die Universitäten und Ausbildungseinrichtungen bis an die Basis der Schulen
und Kindergärten eingeschlichen. Sie zerstört das Wertefundament unserer
Gesellschaft. Die Wurzel dieser Entwicklung ist die Diktatur des
Relativismus. Auf dem Wege der Gesetzgebung, durch die
schulische Sexualerziehung und die ständige Überflutung mit sexuellen
Bildern aller Art durch die Medien wurde die Auffassung durchgesetzt:
Alles ist erlaubt, was Lust bereitet, nur eine Einschränkung soll es geben:
Niemand darf zu etwas gezwungen werden, was er nicht will. Diese Auffassung
der Sexualität zerstört das moralische Fundament der Familie.
Die Familie wird aber im Grundgesetz aus gutem Grund
unter „den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ gestellt, denn die
Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass die
Sexualität Ausdruck treuer Liebe zwischen Mann und Frau und für die Zeugung
von Kindern offen ist. Man nennt
die Propaganda, Kinder möglichst
reibungslos beim Staat abgeben zu können
(im Alter geht es dann umgekehrt), "Familienpolitik". Früher hatten Eltern
etwa vier Kinder. Heute haben Kinder etwa vier Eltern. Jedes Kind hat ein
Recht auf Mutter und Vater. In der Struktur einer homosexuellen
„Familie“ wird dieses Recht dem Kind geplant und bewusst verwehrt. Das ist
eine grundlegende Verletzung des Kindesrechts. Ein Kind, das in dem
Bewusstsein aufwächst, seine beiden Eltern seien zwei Frauen oder zwei
Männer, wird in seinem Wissen um seinen zweigeschlechtlichen Ursprung
manipuliert. Das wird sich negativ auf seine Identitätsbildung auswirken.
Verschiedenheit ist immer ein größerer Entwicklungsanreiz als Gleichheit. Für die lesbisch lebende Frau ist es
kennzeichnend, dass sie den Mann und das Männliche in der Nähebeziehung
nicht haben will oder haben kann. Dies wird sich erschwerend und hemmend auf
die männliche Identitätsentwicklung von Jungen auswirken. Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die
Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat:
Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau
binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei,
sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf
der Mensch nicht trennen. Errötet vielleicht noch irgendeine Frau
über eine Scheidung, seit manche berühmten und vornehmen Frauen ihre
Lebensjahre nicht nach der Zahl der Konsul, sondern der ihrer Ehemänner
berechnen und ihr Haus verlassen, um zu heiraten, heiraten, um sich
scheiden zu lassen. Wenn die Ehe eine lebendige Person ist,
dann ist es natürlich, dass sie verschiedene Krisen durchmacht; denn Krisen
kennzeichnen jede organische Entwicklung. Sie sind Ausdruck der Spannung
zwischen den tatsächlich erreichten Zustand und dem nächstfolgenden, der
erreicht werden sollte, zwischen der Trägheit, die allem innewohnt, und der
Notwendigkeit, sich zu ändern. Zwischen Eheleuten ist es gewöhnlich so, dass
der eine die notwendige Änderung deutlicher sieht als der andere und ihm
deshalb seine Beharrlichkeit vorwirft. Das ist in Wirklichkeit die große
Gelegenheit, einander zur Vollendung zu führen. Es ist ebenso absurd zu behaupten, ein Mann
könne nicht ständig dieselbe Frau lieben, wie zu behaupten, ein Geiger
brauche mehrere Geigen, um ein Musikstück zu spielen. An Scheidungsgründen fehlt es nie, wenn nur
der Wille da ist. Wollte einer die Scheidung verlangen, weil
seine Frau langweilig ist; wollte einer einen König absetzen, weil er
langweilig anzusehen, einen Pfarrer verbannen, weil er langweilig anzuhören,
einen Minister stürzen, einen Journalisten hinrichten, weil er rasend
langweilig ist, so wäre man nicht imstande, das durchzusetzen. Was Wunder,
dass es rückwärts geht mit dieser Welt und das Böse immer um sich greift, da
die Langweile immer mehr überhand nimmt und die Langweile die Wurzel alles
Übels ist. Eine zerstörte Ehe ist eine zerstörte
Welt.
Gewiss gibt es auch Ehen,
deren Trennung traurigerweise unumgänglich wird, um schwerste Schäden zu
verhindern; aber viele der Scheidungen heute wären unnötig, wenn die
Partner Ehe und Familie noch als Auf- trag von Gott verstünden, als Aufgabe
auch des Aneinander- und Miteinanderwachsens, des Lernens von wertvollen
Eigenschaften wie Rücksicht, Vergebung, Verzichtbereitschaft und
Nächstenliebe, statt des Verharrens in infantiler Egozentrik. Vielleicht wäre die Scheidungsquote geringer,
wenn die Menschen die Ehe weniger als Zustand denn als Aufgabe
begriffen. Wir leben in einer
Wegwerfgesellschaft, auch was den Ehepartner betrifft. In Hollywood ist die Ehe ein Erfolg, wenn sie
die Milch überdauert.
Ich weiß, dass du weder heiß noch kalt bist. O, dass du doch
heiß oder kalt wärest! So aber weil du lau bist, will ich dich aus meinem
Munde ausspeien. Gott trägt geduldiger einen Ungläubigen als einen lauen
Christen. Wir haben gesehen, wie große Sünder in der Welt zur
Vollkommenheit übergingen, nie aber haben wie dies bei lauen Christen
gesehen. Der Laue will und will nicht; er möchte gern die Belohnung
Gottes haben, aber er will nichts tun für Gott. Ist jene letzte Stunde gekommen, dann wirst du dein ganzes
vergangenes Leben in einem völlig anderen Lichte sehen und tief bedauern,
dass du so nachlässig und lau gewesen bist. Nichts ist so fatal für die Religion wie Gleichgültigkeit,
die zumindest eine halbe Ungläubigkeit ist. Gewiss, ein lauer Christ erfüllt noch regelmäßig
seine Pflichten, wenigstens dem Anschein nach. Aber das alles tut er so
widerwillig, so nachlässig und gleichgültig, mit so wenig innerer
Vorbereitung, und er ändert dabei seinen Lebenswandel so wenig, dass man
ganz klar sieht: Er erfüllt eben nur seine Pflichten, gewohnheitsmäßig, aus
Routine, weil gerade ein Fest ist und weil er das für gewöhnlich um diese
Zeit tut. Aber es ist ein Glaube ohne Eifer, eine Hoffnung ohne
Beständigkeit, eine Liebe ohne Glut... eine taten- und kraftlose Liebe... Ach,
meine Brüder, diese arme Seele in ihrer Lauheit ist wie jemand, der im
Halbschlaf liegt.
Eine laue Seele begeht, wenn ihr so wollt, keine schlimmen Sünden. Aber eine
üble Nachrede, eine Lüge, eine Regung von Hass, Abneigung, Eifersucht, eine
kleine Verstellung - das kostet sie so gut wie nichts. Wenn man ihr nicht
die Achtung zollt, die sie zu verdienen glaubt, dann lässt sie einen das
deutlich fühlen, weil sie wohl meint, dass man damit den lieben Gott
beleidigt. Richtiger wäre, wenn sie zugäbe, dass man sie selbst beleidigt
hat. Alles, was nicht gerade eine schwere Sünde ist, ist diesen Leuten schon
gut genug... Sie wollen Gutes tun, aber sie möchten, dass es sie nichts
kostet - oder zumindest nur ganz wenig. Sie würden sich zwar gern um die
Kranken kümmern, aber die Kranken müssten zu ihnen kommen. Sie haben genug
Geld für Almosen, sie kennen auch Leute, die es brauchen könnten, aber sie
warten darauf, dass sie kommen und darum bitten...
Die laue Seele sperrt ihren Gott in sich ein wie in ein düsteres,
schmutziges Gefängnis. Sie tötet Gott nicht, aber er findet in diesem Herzen
weder Freude noch Trost. Wenn mir jemand den Aberglauben unserer Voreltern
einwenden will, so muss ich ihm leider entgegnen, dass er schaue, wie heute
der religiöse Indifferentialismus der sogenannten gebildeten Klasse
furchtbar und widerwärtig neben demselben alten Aberglauben der Masse steht
- und zuletzt ist Aberglaube schöner, heiliger, kräftiger als jene sieche
Kraftlosigkeit des Indifferentialismus, der bei den Worten Gott,
Unsterblichkeit, Ewigkeit nichts denkt und sie nur als Redeformen in dem
Munde führt, die er überkommen hat wie andere Worte, bei denen er auch
nichts denkt. Das Christentum ist bei den meisten
keine Inbrunst
mehr, sondern eine bequeme Gewohnheit. Wer vom Göttlichen Bereich
leidenschaftlich
gepackt ist, kann um sich keine Dunkelheit, keine Lauheit und keine Leere in
dem ertragen, was von Gott erfüllt sein und von Gott schwingen sollte. Ich sage es immer
wieder und wieder: der gegenwärtige Zustand der
Welt ist eine Schande für die Christenheit. Wir klagen unablässig, dass die
Welt unchristlich wird. Aber nicht die Welt hat Christus empfangen, wir
haben ihn für sie empfangen. Aus unseren Herzen entfernt sich Gott, wir, wir
Elenden werden unchristlich.
Wenn ein Christ die Gemeinschaft mit anderen
Christen scheut, lächelt der Teufel. Wenn der Christ aufhört, in der Bibel
zu lesen, lacht der Teufel. Wenn er aufhört zu beten, jauchzt der Teufel vor
Freude. Die Kirche war doch einmal anders. Es wurden doch
einmal die Fragen des Lebens und des Todes hier ausgetragen und entschieden.
Warum ist das nicht mehr so? Weil wir selbst die Kirche zu etwas gemacht
haben und immer wieder machen, was sie nicht ist. Weil wir zu viel von
falschen, nebensächlichen, menschlichen Dingen und Gedanken in der Kirche
reden und zu wenig von Gott selbst. … Weil wir zu gemütlich von Gott reden
und denken und uns von ihm und seiner Gegenwart nicht stören und beunruhigen
lassen wollen; weil wir selbst im Grunde nicht glauben wollen, dass er
wirklich jetzt hier mitten unter uns ist und unser Leben und Tod, Herz und
Seele und Leib von uns fordert. Wir sind heute, bewusst oder nicht,
von
Gleichgültigen und Ungläubigen umgeben. Leute haben, vereinzelt oder in
Scharen, aufgehört zu glauben oder haben niemals geglaubt oder wissen nicht
einmal etwas von dem, was wir glauben. Diese sind unser Nächster.
Mission oder Demission? Lautlos naht der Kirche
eine Grundgefahr: die Gefahr einer Zeit, einer Welt, in der Gott nicht mehr
geleugnet, nicht mehr verfolgt, sondern ausgeschlossen, in der er undenkbar
sein wird; einer Welt, in der wir seinen Namen herausschreien möchten, es
aber nicht können, weil uns kein Plätzchen bleibt, um unsere Füße
hinzustellen. Die neuen Häuser in
der Stadt, die zum Bersten voll sind; das Rathaus, das mit seinen
Aktivitäten, Einrichtungen und Veränderungen in immer neuen Wandlungen
erscheint; die Kindergärten, Grund- und Berufsschulen; das
Arbeitsamt, die Parkanlagen und Sportstadien: alles schweigt auf der
ganzen Linie von Gott, und zwar so total, dass ich mich dabei ertappe,
die Passanten anzublicken, ob nicht wenigstens eine Spur von Staunen bei
ihnen zu entdecken ist. Doch die Leute, die meinen Weg kreuzen, sind nicht
erstaunt. Eine Welt, die
einmal christianisiert war, scheint sich von innen her zu entleeren: zuerst
verliert sie Gott, dann den Sohn Gottes, dann das Göttliche, das er seiner
Kirche vermittelt - und oft ist es die Fassade, die als letzte einstürzt. Früher einmal waren wir Christen der Thermostat
der Gesellschaft. Jetzt sind wir bestenfalls noch ihr Thermometer. Weil viele
Zeitgenossen keine eigenen anspruchsvollen Fragen haben, besitzen sie auch
kein Schöpfgefäß mehr, um in die Tiefe des Brunnens der Gottesfrage
hinabzureichen. Das merken sie jedoch gar nicht, sondern behaupten im
Gegenteil kühn, dass dieser Brunnen kein Wasser mehr enthalte. Der Irrtum des Menschen heute, ist es zu leben,
"als ob Gott nicht existiere". Die Christen sind dem
Geist des Laizismus gegenüber wehrlos.
Die öffentliche Rolle der Religion zu verdunkeln
bedeutet, eine ungerechte Gesellschaft aufzubauen, da sie nicht im rechten
Verhältnis zur wahren Natur der menschlichen Person steht. Mit der gleichen
Entschiedenheit, mit der alle Formen von Fanatismus und religiösem
Fundamentalismus verurteilt werden, muss auch allen Formen von
Religionsfeindlichkeit, die die öffentliche Rolle der Gläubigen im zivilen
und politischen Leben begrenzen, entgegengetreten werden.
Man darf nicht vergessen, dass der religiöse Fundamentalismus und der
Laizismus spiegelbildlich einander gegenüberstehende extreme Formen der
Ablehnung des legitimen Pluralismus und des Prinzips der Laizität sind.
Beide setzen nämlich eine einengende und partielle Sicht des Menschen
absolut, indem sie im ersten Fall Formen von religiösem Integralismus und im
zweiten von Rationalismus unterstützen. Die Gesellschaft, die die Religion
gewaltsam aufzwingen oder – im Gegenteil – verbieten will, ist ungerecht
gegenüber dem Menschen und Gott, aber auch gegenüber sich selbst. Die Politik und die
Diplomatie sollten auf das von den großen Weltreligionen angebotene
moralische und geistige Erbe schauen, um die Wahrheit sowie die allgemeinen
Prinzipien und Werte zu erkennen und zu vertreten, die nicht geleugnet
werden können, ohne damit auch die Würde des Menschen zu leugnen.
Ihr sollt nicht Wahrsagerei noch Zeichendeutung
betreiben.
Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten.
Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Mein Kind, sei kein
Vogelschauer, weil das zum Götzendienst führt; auch kein Beschwörer, auch
kein Sterndeuter, auch kein Sühnezauberer; hab auch nicht die Absicht, das
zu sehen (und zu hören); aus diesem allem nämlich entsteht Götzendienst. Die, die ihren
eigenen Weg nicht kennen, zeigen anderen die Richtung.
Der Aberglaube ist ein
Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit. Vom Wahrsagen lässt
sich wohl leben in dieser Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen. Gemeinschaftlicher
Wahnsinn hört auf, Wahnsinn zu sein und wird Magie. Wahnsinn nach Regeln und
vollem Bewusstsein. Vom trostlosesten
Unglauben führt der nächste Weg zum albernsten Aberglauben.
Wo der Glaube und der
Sinn für das Übernatürliche aufhört, da fängt der Aberglaube an die Natur
an. Der astrologische
Aberglaube ruht auf dem dunklen Gefühl eines ungeheuren Weltganzen.
Es wird oft
angenommen, dass Menschen, wenn sie aufhören an Gott zu glauben, an nichts
glauben. Leider ist es schlimmer als das. Wenn sie aufhören, an Gott zu
glauben, glauben sie an alles. Je mehr die Menschen
an die Sterne glauben, desto weniger glauben sie an das, was über den
Sternen ist. Horoskope sind
Religionsersatz, denn wer Religion hat, dem sind die Sterne schnuppe. Astrologie ist Aberglaube aus
zweiter Hand. Astrologie ist eine Form von
Aberglauben, die sich anmaßt, Gott in die Karten zu schauen. Ein Mensch ohne
Glauben: ich weiß nicht, was mit einem solchen zu machen ist.
Es gibt mehr Dinge im
Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt. Die Ungläubigen sind
die Allerleichtgläubigsten. An die Stelle des
Glaubens ist der Unglaube getreten, an die Stelle der Bibel die Vernunft, an
die Stelle des Himmels die Erde, des Gebetes die Arbeit, der Hölle die
materielle Not, an die Stelle des Christen der Mensch.
Wer an nichts
glaubt, verzweifelt an sich selber. Man muss heute
weniger die Ketzerei als den Unglauben fürchten, die Kirche steht heute vor
anderen Feinden und Gefahren und auch vor anderen Sorgen und Kämpfen. Der rechte Unglaube
bezieht sich auf keine einzelnen Sätze und Gesetze, sondern auf die
Erblindung gegen das Ganze.
Unglaube und
Aberglaube sind beide Angst vor dem Glauben. Die Krankheit unserer
Zeit ist der Verlust des Glaubens.
Der Skeptizismus herrscht so uneingeschränkt, dass man
das Christentum so behandelt, als sei es reine Fiktion ... dass es zu nichts
mehr dienen könne, als der öffentlichen Belustigung und Verhöhnung
preisgegeben zu werden. Skeptizismus
in sittlichen Angelegenheiten ist ein tatkräftiger Bundesgenosse der
Unsittlichkeit.
Wenigstens fünf Mal ist mit den Arianern
und den Albigensern, den humanistischen Skeptikern,
mit Voltaire und mit Darwin der Glaube vor die Hunde gegangen. Doch stets
war es der Hund, der starb.
Skeptizismus bedeutet
nicht allein geistigen Zweifel, sondern auch sittlichen Zweifel,
allerlei Unglauben, Unaufrichtigkeit, geistige Lähmung. Die Saat des Skeptizismus ist aufgegangen.
Tatsächlich besitzt der moderne Mensch kein geistiges Selbstvertrauen mehr.
Hinter einem selbstsicheren Auftreten verbirgt er eine große geistige
Unsicherheit. Trotz seiner großen materiellen Leistungsfähigkeit ist er ein
in Verkümmerung begriffener Mensch.
Über den Skeptizismus: Wer behauptet, die
Wahrheit existiere nicht, behauptet damit, dies sei die Wahrheit, und gerät
damit so in handgreiflichen Widerspruch. Die Gottlosen sind
wie das aufgewühlte Meer; denn zur Ruhe kann es nicht kommen, und seine
Wasser wühlen Schlamm und Kot auf. Die Gottlosen sind
glücklich in der Welt und werden reich. Ich sann nach, ob ich's begreifen
könnte, aber es war mir zu schwer, bis ich ging in das Heiligtum Gottes und
merkte auf ihr Ende.
Die Gottlosen folgen nur der eigenen Willkür. Die Gottlosen laufen
immer nur im Kreis herum. Frömmigkeit
verbindet sehr, aber Gottlosigkeit noch viel mehr.
Merkwürdigerweise ist gerade die Gottlosigkeit am unduldsamsten, sobald
sie das Recht erstritten hat, mit Frechheit offen sich zeigen zu dürfen. Die Gottlosigkeit ist eine
Zwangsvorstellung, die allen hochmütigen Dummköpfen als Strafe auferlegt
wird. Gottlos sind die, denen keine
höhere Macht bekannt ist, als ihr eigenes Ich ... Gottlos ist niemand, der
sich für eine große Angelegenheit opfern kann. Wenn Menschen gottlos werden,
dann sind Regierungen ratlos, Lügen grenzenlos, Schulden zahllos,
Besprechungen ergebnislos, dann ist Aufklärung hirnlos, sind Politiker
charakterlos, Christen gebetslos, Kirchen kraftlos, Völker friedlos, Sitten
zügellos, Mode schamlos, Verbrechen maßlos, Konferenzen endlos, Aussichten
trostlos.
Der gegenwärtige Mensch ist weithin
nicht nur gott-los, rein
tatsächlich oder auch entscheidungsmäßig, es geht die Gottlosigkeit viel
tiefer. Der gegenwärtige Mensch ist in eine Verfassung des Lebens geraten,
in der er
Gottes unfähig
ist. Alle Bemühungen um den gegenwärtigen und kommenden Menschen müssen
dahin gehen, ihn wieder gottesfähig und somit religionsfähig zu machen. Eine Welt ohne Gott
ist eine Welt gegen den Menschen.
Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die
Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor
Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der der
Werke erkannten sie Ihren Meister nicht... Und wenn sie über ihre Macht und
ihre Kraft in Staunen gerieten, dann hätten sie auch erkennen sollen, wie
viel mächtiger jener ist, der sie geschaffen hat; denn von der Größe und
Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen. Atheismus ist eine
Krankheit der Seele bevor es ein Fehler des Verstehens wird.
Niemand leugnet Gott, wenn er kein Interesse daran
hat, dass es ihn nicht gibt. Es gibt ein Argument,
das man allen Spitzfindigkeiten der Glaubenslosen entgegenhalten kann: Noch
niemand hat je auf seinem Sterbebette bereut, ein Christ gewesen zu sein. Atheismus überlässt
den Mensch der Vernunft, der Philosophie, dem natürlichen Mitleid, den
Gesetzen, dem guten Ruf; alle von ihnen mögen Führer zu einem äußeren
moralischen Wert sein, sogar wenn die Religion verschwindet; aber wenn die
Religion verschwindet, überwindet der Aberglaube dies alles und errichtet
eine absolute Monarchie in den Köpfen der Menschen. Der einzige Grund,
warum viele meinen, die Existenz Gottes und das Wesen der Seele seien schwer
zu erkennen, liegt darin, dass sie ihren Geist niemals von den Sinnen
ablenken und über die Körperwelten erheben.
Atheismus ist Zeichen eines starken Geistes - aber nur
bis zu einem gewissen Grade. Wenn der Glaube an
Gott einige Obskuitäten mit sich bringen kann, so bringt die Verneinung
Gottes eine Absurdität mit sich. Der Atheismus und der
Fanatismus sind zwei Ungeheuer, die die Gesellschaft verschlingen und
zerreißen können.
Die aufgeblasene Philosophie führt zur Freigeisterei,
wie blinde Frömmigkeit zum Fanatismus führt. Wer nicht an Christus
glauben will, der muss sehen, wie er ohne ihn raten kann. Ich und du können
das nicht. Wir brauchen jemanden, der uns hebe und halte, weil wir leben,
und uns die Hand unter den Kopf lege, wenn wir sterben sollen; und das kann
er überschwänglich. Eine Gesellschaft von
Atheisten würde sogleich eine Religion erfinden.
Der Westen hat Christus verloren; daran muss er
zugrunde gehen.
Die Abwesenheit Gottes würde nicht durch die Liebe des Menschen
ausgeglichen, denn dann würde der Mensch sich fragen: Wozu ist es gut, die
Menschheit zu lieben? Du wirst niemals mehr
beten, niemals mehr in endlosem Vertrauen ausruhen. Du versagst es dir, vor
einer letzten Weisheit, Güte, letzten Macht stehen zu bleiben. Du hast
keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten.
Mensch der Entsagung, in alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft
dazu geben? Noch hatte niemand diese Kraft. Wir haben Gott
getötet, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Was taten wir, als wir
diese Erde von der Sonne losketteten, wohin bewegen wir uns? Fort von allen
Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Irren wir nicht durch ein unendliches
Nichts? Ist es nicht kälter geworden? Wie trösten wir uns? Die Mörder aller
Mörder?
Wer die Existenz Gottes verneint, verneint sich
selbst. Wir freien Geister
von heute sind nicht mehr der Gefahr ausgesetzt, gekreuzigt oder verbrannt
zu werden. Um so mehr will es der Anstand und die Solidarität, uns neue
Gefahren zu suchen und zu schaffen, und sollten es die der Selbstkreuzigung,
der Selbstverbrennung sein. Nichts ist
schrecklicher als der priesterliche Eifer der Ungläubigen. Es gibt keinen
Gott, ist der anschwellende Ruf der Massen. Damit wird aber auch der Mensch
wertlos, in beliebiger Zahl hingemordet, weil er nichts ist.
Religion ist Bindung. Atheismus eine höchst
fragwürdige Ungebundenheit. Ich bin als Atheist in
das Konzentrationslager gekommen, und nach allem, was ich dort erlebt habe
verließ ich es als gläubiger Christ. Mir ist klar geworden, dass ein Volk
ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, weder regiert noch auf
Dauer blühen kann. Atheisten drücken ihre
Wut gegen Gott aus, obwohl er nach ihrer Meinung gar nicht existiert.
Dass Gott tot ist, wird gern von denen ausgestreut, die sein Erbe
anzutreten hoffen. Gewöhnt man die Kinder
daran, nicht an Gott zu denken, so werden sie Faschisten oder Kommunisten,
aus dem Bedürfnis, sich irgendeiner Sache hinzugeben. Ein Mensch ohne
Religion ist ein Wanderer ohne Ziel, ein Fragender ohne Antwort, ein
Ringender ohne Sieg und ein Sterbender ohne neues Leben. Atheismus ist das
Grundübel unserer Zeit. Die Menschen haben Gott vergessen, und das ist der
Grund für die Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts. Du sollst den Namen des Herrn,
deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft
lassen, der seinen Namen missbraucht. Mit Gottes Wort ist
nicht zu scherzen. Irret euch nicht! Gott
lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer nach dem Himmel
speit, dem fällt der Speichel in den eigenen Bart. Wenn die Männer
anfangen die Götter zu verspotten und die Frauen durchsichtige Kleider
tragen, ist das Ende einer Epoche gekommen. Alle anderen
Sünden haben ihren Ursprung, teils in menschlicher Schwachheit, teils in
Unwissenheit; aber die Sünde der Gotteslästerung entspringt aus Bosheit des
Herzens. Man sieht sogar Leute,
die so verkehrte Anschauungen über Religion haben, dass sie eher die
schrecklichsten Lästerungen gegen Christus als den geringfügigsten Scherz
gegen den Papst oder ihren Fürsten ertragen.würden, besonders wenn ihr
materielles Interesse dabei im Spiel ist. Man wird zum
Gotteslästerer und Vernunftleugner beim Blick auf die Welt, und doch ist
dieser Gedanke an Gott und Vernunft das einzige Heilige und Große, was wir
haben. Der Rest ist Schlamm und Sumpfluft.
Weil Gott nicht Objekt sein kann für den
Menschen, da Gott das Subjekt ist, eben darum erweist auch das Umgekehrte
sich absolut: wenn einer Gott leugnet, so tut er Gott keinen Schaden,
sondern vernichtet sich selbst; wenn einer Gott spottet - so spottet er
seiner selbst. Wenn ich
eine Beleidigung Gottes sehe, würde ich, auch wenn ich ein Heer gegen mich
hätte, nicht weichen, um sie zu verhüten. Lass niemals von Gott!
Liebe ihn! Wenn du das im Augenblick nicht kannst, dann streite mit ihm,
klage ihn an und rechte mit ihm wie Hiob, ja, wenn du kannst, lästere ihn,
aber - lass ihn nie! Sonst wirst du zum lächerlichsten Lappen, und das
schrecklichste, du wirst es selbst gar nicht merken.
Du dienst einem Götzen, wenn du immer nur
deinen Lüsten nachlebst. Wer dem Genuss nachjagt, findet den
Überdruss. Das einzige, was uns in unserem Elend
tröstet, ist die Zerstreuung, und dabei ist sie die Spitze unseres Elends,
denn sie ist es, die uns grundsätzlich hindert, über uns selbst
nachzudenken, die uns unmerklich verkommen lässt. Sonst würden wir uns
langweilen, und diese Langeweile würde uns antreiben, ein besseres Mittel zu
suchen, um sie zu überwinden. Die Zerstreuungen aber vergnügen uns und
geleiten uns unmerklich bis zum Tode. Zerstreuung ist wie eine goldene Wolke,
die den Menschen, wär es auch nur auf kurze Zeit, seinem Elend entrückt. Was aber ist Zerstreuung? Alles, was mir
den Endzweck meines Daseins und meines Lebens aus den Augen rückt oder
verdunkelt. Von Vergnügen zu Vergnügen rastlos
taumeln hin und her, ist ein eitel Selbstbetrügen und bald kein
Vergnügen mehr. Die Vergnügungssucht ist unersättlich und frisst
am liebsten das Glück. Das Vergnügen gleicht gewissen Medikamenten:
um dauernd dieselben Wirkungen zu erzielen, muss man die Dosis verdoppeln
und die letzte enthält Tod oder Verblödung. Genuss kann unmöglich das Ziel des Lebens
sein. Genuss ohne etwas darüber ist etwas Gemeines. Die Menschen eines Hauses finden kaum
Zeit, hastig und abgehetzt miteinander zu essen, aber sie leben nicht mehr
miteinander, sie kennen keine ruhigen, beschaulichen Feierstunden mehr, wo
ihr Geist ausruht, oder sich in Zwiesprache mit dem andern oder einem zum
Nachdenken anregenden Buche erholt; sondern es gibt nur noch angestrengteste
Arbeit und geistlose Zerstreuung, die über die Müdigkeit hinwegtäuschen
soll. Amusement ist die Verlängerung der Arbeit
unterm Spätkapitalismus. Es wird von dem gesucht, der dem mechanisierten
Arbeitsprozess ausweichen will, um ihm von neuem gewachsen zu sein.
Zugleich aber hat die Mechanisierung solche Macht über den Freizeitler und
sein Glück, sie bestimmt so gründlich die Fabrikation der Amüsierwaren, dass
er nichts anderes mehr erfahren kann als die Nachbilder des Arbeitsvorgangs
selbst. Der vorgebliche Inhalt ist bloß verblasster Vordergrund; was
sich einprägt, ist die automatisierte Abfolge genormter Verrichtungen. Dem
Arbeitsvorgang in Fabrik und Büro ist auszuweichen nur in der Angleichung an
ihn in der Muße. Daran krankt unheilbar alles Amusement. Der technologischen Gesellschaft ist es
gelungen, die Gelegenheiten für Vergnügen zu vervielfältigen, aber sie hat
eine große Schwierigkeit damit Freude zu erzeugen. Vergnügen kann ein Fließbanderzeugnis sein,
Glück niemals. Da wir nicht wissen, wie wir die Seele
nähren sollen, versuchen wir, ihr Verlangen durch Zerstreuungen zu
beschwichtigen. Freizeit(-Industrie) : Die hohe Kunst, die
ausdauernden beruflichen Denkhindernisse bis in den sogenannten Feierabend
hinüberzuretten - eine freudige Fete für nette Event-Manager, Animateure und
Hoteliers - den Fließbandarbeitern des Fußvolk-Entertainments.
Menschen, die einen Überfluss an
Zeit haben, denken zumeist auf Böses. Wer täglich herumrennt, wird fremd in seinem
eigenen Hause; wer immer in Zerstreuung lebt, wird fremd in seinem eigenen
Herzen, muss im Gedränge müßiger Leute seine innere Langeweile zu töten
trachten, büßt das Zutrauen zu sich selber ein und ist verlegen, wenn er
sich einmal sich selbst gegenüber findet. Langeweile, aus Sicherheit und Überfluss
geboren, steht dem irdischen Glück entgegen. Vergnügen suchen, heißt das nicht,
Langeweile zu finden? Im Untergeschoss unseres vollgestopften
Lebens rumort das Gefühl, unerfüllt zu sein. Überprüft man diese Erfahrung
der Unerfülltheit etwas genauer, so lassen sich darin verschiedene
Empfindungen ausmachen. Die bezeichnendsten von ihnen sind: Langeweile,
Groll und Niedergeschlagenheit. Bequemlichkeit
erjagt kein Wild, kostbare Güter erlangt der Fleißige. Ein gebildeter Mensch, der sein Herz an die
Bequemlichkeit des Heims hängt, ist nicht wert als gebildet betrachtet zu
werden. Jedermann
schneidet die Bretter da, wo sie am dünnsten sind; man bohrt nicht gern
durch dicke Bretter. Mach aus
Gott nicht dein Kopfkissen noch aus dem Gebet dein Federbett. Es ist bequem, aber nicht gut, das
Bequeme für das Gute zu halten. Aus
Bequemlichkeit suchen wir nach Grenzen. Fauler
Verstand, leerer Verstand. In unserm
Geiste steckt mehr Faulheit als in unserem Körper. Nicht mehr selber denken müssen, sich
lenken lassen ... Dieses Abdanken ist der Kern allen Übels. Das ist die gemeinste Faulheit: die
des Denkens. Nach meiner
Erfahrung ist der Feind und Verderber der Menschen der auf Denkfaulheit und
Ruhebedürfnis beruhende Drang nach dem Kollektiv, nach Gemeinschaften mit
absolut fester Dogmatik, sei diese nur religiös oder politisch. Wer
seine Tätigkeiten einschränkt, erlangt Weisheit. Wenn du dein ganzes Leben und
Erleben ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die innere Besinnung
vorsiehst, soll ich dich dann loben? Dafür lobe ich dich nicht. Es ist nichts furchtbarer
anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit ohne Fundament. Wer zu geschäftig Gutes tut, hat
nicht die Zeit, gut zu sein. Viele Menschen können überhaupt nicht
ausspannen. Die Welt ist voll von freiwilligen Zwangsarbeitern. Ihr könnt euch an einer Aufgabe
totarbeiten; wenn sie nicht mit Liebe getan ist, nützt sie nichts. So entspinnt sich denn die
Unterhaltung, nicht über Landhäuser und Stadtpaläste anderer Leute, auch
nicht über Herrn Lepos' Erfolge oder Misserfolge im Ballett; nein, wir
besprechen, was uns näher angeht, was wir, um nicht Schaden zu nehmen,
verstehen müssen: ob Reichtum, ob Tugend das Menschenglück begründet, ob wir
Freundschaft nur aus Vorteil schließen oder um sittlich uns zu fördern; dazu
die Frage nach dem Wesen des Guten und dem höchsten Gut. Das worüber sich
die Masse freut, gewährt dünne und oberflächliche Freude. Es gibt vielleicht mehr
oberflächliche Geister in der großen Welt als in den unteren
Gesellschaftsschichten. Das Oberflächliche wird uns
schließlich des Notwendigen berauben. Einmal war
es so: Der Mensch verstand nur wenig, aber das Wenige bewegte ihn tief.
Heute versteht er viel, aber es bewegt ihn nicht oder doch nur
oberflächlich. Man kann die allgemeine
geistige Verflachung so recht bemerken an unserem Briefwechsel. Ob eine Zeit
wirklich kultiviert ist, erkennt man doch nicht daran, wie schnell man sich
etwas mitteilen konnte, sondern ob das, was man sich mitteilte, etwas
Gescheites war. Die Hast des Tages unter der
Geißel des Geldes verflacht den Menschen. Bei oberflächlichen Menschen
erzeugen armselige Gedanken große Wirkungen; bei Geistern, mächtig wie
der Ozean, kräuselt selbst die Sturzsee der Eingebung kaum die Oberfläche. Wenn du
einzig und allein an der Oberfläche lebst, wenn dich nur dein Außen
interessiert, deine Aufmachung, dein Aussehen und dein Ansehen, dann hängt
dein Glück an einem launischen Pendel: heute glücklich - morgen unglücklich,
heute in Stimmung - morgen verzweifelt. Wir sind die Generation ohne
Bindung und ohne Tiefe. Unsere Oberflächlichkeit macht uns
sehr leicht zu Sklaven der Äußerlichkeiten.
Freiheit zu drohen, zu drücken, zu rauben, zu betrügen, auszusaugen, zu
morden, ist Freiheit Satans! Zügellosigkeit hat zur
natürlichen Folge Erschlaffung; Missbrauch der Freiheit den Verlust
derselben. Der Unterschied zwischen
Freiheit und Freiheiten ist so groß wie zwischen Gott und Göttern. Freiheit kann nur fordern, wer
sich zur Toleranz bekennt. An unbeschränkter Freiheit
gehen die Menschen nicht dutzendweise, sondern zu Tausenden zugrunde. Die Freiheit ist eine neue
Religion, die Religion unserer Zeit. Die Freiheit gefällt allen, am
meisten aber denen, die den anderen keine lassen wollen. Es gibt zwei Freiheiten: Die
falsche, wo ein Mensch frei ist zu tu was er mag, und die wahre, wo ein
Mensch frei ist zu tun, was er tun sollte. Die Freiheit ist nicht die
Willkür, beliebig zu handeln, sondern die Fähigkeit, vernünftig zu handeln. In der
heutigen Zeit hält man Zügellosigkeit für Freiheit. Wer politische Freiheit mit
persönlicher Freiheit verwechselt und politische Gleichheit mit persönlicher
Gleichheit, hat niemals auch nur fünf Minuten lang über Freiheit und
Gleichheit nachgedacht. Hast du die Herrschaft Gottes
nicht über dir, so wird bald ein anderer über dich herrschen. Die Liebe
Gottes sollte uns zu den freiesten Menschen machen. Es hat keinen Sinn, Freiheit "von"
zu fordern, wenn vorher nicht die Freiheit "zu", nämlich zu den großen
Werten der personalen Existenz, gesehen und gewollt ist. Wir halten den Menschen für
frei: aber seine Freiheit ist nur in dem Maße real und konkret, wie sie
engagiert ist, ein Ziel anstrebt und sich anstrengt, einige Veränderungen in
der Welt zu bewirken. Freiheit ohne Gerechtigkeit
ist Willkür. Freiheit besteht nicht darin,
dass man tun kann, was man will. Sie gibt einem nur das Recht zu tun, was
man tun sollte. Es gibt nachweislich drei große
alte Werteströmungen: Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit, das heißt Sinn
des Lebens. Nehmen Sie die Freiheit: Wir haben sehr lange um ihre
Durchsetzung gekämpft, heute haben wir praktisch in ganz Europa die
Demokratie als Regierungsform. Die Frage ist, ob wir auch schon Menschen
haben, die freiheitsfähig sind. Wir definieren häufig die
Freiheit als jeden Tag neue beliebige Entscheidung. Das ist ein Trugschluss.
Die Berufsfreiheit lädt zum Arbeitsvertrag ein, die Ehefreiheit zur Bindung,
die Religionsfreiheit zur Zugehörigkeit, die Wissenschaftsfreiheit zur
beharrlich vertretenen Erkenntnis. Wie weit geht die Pflicht der
Toleranz? 1. Keine Kirche ist durch die Pflicht der Toleranz gehalten, in
ihrem Schoß diejenigen zu behalten, die hartnäckig ihren Gesetzen
zuwiderhandeln. 2. Wir haben nicht das Recht, wen auch immer in der Arbeit,
die er macht, in Frage zu stellen unter dem Vorwand, dass er einer anderen
Kirche angehört. Die Toleranz ist niemals etwas anderes als
das System der Verfolgten, ein System, das er fallen lässt, sowie er stark
genug ist, um selbst zum Verfolger zu werden. Toleranz ist gut. Aber nicht gegenüber Intoleranten. Der Tolerante erlebt sich
selbst als souverän; doch häufig ist die Toleranz “die Tugend des Mannes,
der keine Überzeugungen hat". Wir glauben, dass wir tolerant sind,
dabei haben wir nur zu nichts einen klaren Standpunkt. Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit gegen
den eigenen Glauben, sondern tieferes Verständnis für ihn, reinere Liebe. Die Toleranz in jeder Gesellschaft muss
jedem Bürger die Freiheit sichern, zu glauben, was er will. Aber sie darf
nicht so weit gehen, dass sie die Frechheit und Zügellosigkeit junger
Hitzköpfe gutheißt, die etwas vom Volke Verehrtes dreist beschimpfen. Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. Man wird zuletzt tolerant, denkt man, gegen die Menschen; aber man ist
nur gleichgültig. Es darf keine Freiheit geben zur Zerstörung der Freiheit. In der Welt wird es Toleranz genannt, aber in der Hölle wird es
Verzweiflung genannt, die Sünde, die an nichts glaubt, sich um nichts
kümmert, nichts wissen will, sich in nichts einmischt, sich an nichts
erfreut, nichts hasst, keinen Sinn in etwas findet, für nichts lebt, und am
leben bleibt, weil es nichts gibt, für das es sterben will. Toleranz ist auch so viel wert wie das Motiv des Tolerierens. Es gibt
eine Menge Motive: zum Beispiel Gedankenlosigkeit, Faulheit, Feigheit. Aber die Gesellschaft kann nicht dort unterschiedslos verfahren, wo
die Befriedung des Daseins, wo Freiheit und Glück selbst auf dem Spiel
stehen: hier können bestimmte Dinge nicht gesagt, bestimmte Ideen nicht
ausgedrückt, bestimmte politische Maßnahmen nicht vorgeschlagen, ein
bestimmtes Verhalten nicht gestattet werden, ohne dass man Toleranz zu einem
Instrument der Fortdauer von Knechtschaft macht. Toleranz wird oft mit Meinungslosigkeit verwechselt.
Aber nicht der
Meinungslose ist tolerant, sondern der, der eine Meinung hat, aber es
anderen zubilligt, eine abweichende Meinung zu haben und diese auch zu
sagen.
Lasst euch
nicht täuschen. Fallt nicht herein auf die Propheten des Egoismus, der
falsch verstandenen Selbstverwirklichung, der irdischen Heilslehren, die
diese Welt ohne Gott gestalten wollen. Was heißt "Selbstverwirklichung"? Der
Mensch kann sich selbst vielfältig verwirklichen - einer hat das Potenzial,
um heiliger Franz zu werden, anderer hat das Potenzial, Hitler zu werden.
Sollen wir denn sagen, dass unsere Aufgabe darin besteht, jedem Menschen
sein Potenzial verwirklichen zu lassen, unabhängig davon, welches Potenzial
es ist? Das Wort "Selbst"-Bestimmung sagt es auf
verräterische Weise. Es hat das "Selbst" aus fast allen Zwängen und Normen
befreit. Vorfahrt für das Individuum, das ist ein Triumph unserer Zeit. Wenn
aber ein jeder sich selbst der Nächste ist, ist am Ende keiner mehr für den
anderen da. "Selbst"-Verwirklichung wird dann für jene "anderen", die
sich selbst zu verwirklichen nicht die Kraft oder die Möglichkeiten haben
und auf Hilfe angewiesen sind, zum Unwort unserer Zeit. Denn es steht für
Egoismus und entpflichtet von Nächstenliebe und Solidarität. Man sollte nicht auf Selbstverwirklichung
hoffen, sondern Hoffnung selbst verwirklichen. Bei der Selbstverwirklichung hat schon so
mancher sich Selbst verwirkt.
Kennst du
jemanden, der sich selbst für weise hält? Ich sage dir: Für einen Dummkopf
gibt es mehr Hoffnung als für ihn! Wenn wir einen
starken Glauben haben, ist es unsere Pflicht, die Bedenken der Schwachen
ernst zu nehmen und nicht selbstgefällig unsere Stärke zur Schau zu stellen. Das Laster des
Geistes heißt Selbstzufriedenheit. Wer sich zu sehr gefällt, gefällt mir
nicht. Sobald du sagst: ich habe genug
geleistet, bist du verloren. Gefährlich
ist es, wenn wir mit uns selbst zufrieden sind. Die
Selbstzufriedenheit entsteht meistens aus Unzufriedenheit und wird zu einer
Glückseligkeit des Unverstandes, die zwar nicht ohne Annehmlichkeit sein
mag, jedoch unserem Ruf und Ansehen nicht förderlich ist. Nichts
sollte unsere Selbstzufriedenheit mehr erschüttern als die Erkenntnis, dass
wir verwerfen, was wir früher gebilligt haben. Leute, die mit sich selbst zufrieden
sind, richten wenig aus. Je dümmer der Mensch, desto mehr
Wohlgefallen hat er an sich selbst. Die größte
Selbstzufriedenheit und das ruhigste Gewissen finden sich bei Leuten, deren
Passionen und Lebensansprüche nicht über das hinausgehen, was die höhere
Gesellschaft zulässt: Mätressen, Bordelle, sogar Päderastie, Dienst, Gehalt,
Bereicherung durch Heirat, Krieg, Duelle und dergleichen. Wer eine
Seele hat, kann nicht selbstzufrieden sein. Ich habe die
Zerstörer der Nationen genannt: Bequemlickkeit, Überfluss und Sicherheit -
aus denen ein gelangweilter und träger Zynismus entsteht, in dem die
Rebellion gegen die Welt wie sie ist und einen selbst wie ich bin in
gleichgültiger Selbstzufriedenheit untergehen. Der Pharisäer stand
für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die
andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich
faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Was siehst du den
Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem
Auge? Die Selbstgerechten,
das sind wohl die größten Räuber der Tugend! Zwei Ranzen packte Jupiter uns auf, den voll
der eigenen Fehler auf den Rücken, den von den fremden schwer vorn auf die
Brust. Drum sehn wir eigene Gebrechen nicht, sind aber Tadler gleich, wenn
andere fehlen. An anderen zählt ihr die Pusteln, selbst seid
ihr über und über mit Geschwüren bedeckt. Wer es sich herausnimmt, den Lebenswandel
anderer zu kritisieren und ihre Sünden an den Pranger zu stellen, wo sollte
der Verzeihung erlangen, wenn er selber auch nur einen Augenblick von dem
strengen Pfade der Pflichten abbog? Wir geben acht auf
die Sünden des Nächsten, nicht um darüber zu weinen, sondern um zu
schimpfen, nicht um zu heilen, sondern zu schlagen und unsere eigenen Fehler
mit den Wunden der Mitmenschen zu entschuldigen. Wenn du einen anderen öffentlich sündigen
oder schwere Verbrechen begehen siehst, so halte dich deshalb nicht für
besser als ihn; denn, siehe, du weißt ja nicht, wie lange du im Guten noch
feststehen wirst. Während seines Lebens aber meint jeder
Kaufmann, Soldat oder Richter, dass er, wenn er nur ein kleines Geldstück
von seinem Raube in die Büchse wirft, sämtliche Fehltritte und Vergehen mit
einem Male wieder gutgemacht und alle Meineide, alle Unlauterkeiten, alle
Schlemmereien, jeden streit, jeden Mord, jeden Betrug, jeder Treulosigkeit,
jdern Verrat gleichsam vertragsmäßig gesühnt hat, und zwar so gut gesühnt,
dass er sich sogleich wieder berechtigt glaubt, eine neue Reihe von
Verbrechen zu begehen. Der heutige Mensch
lacht über den Unverstand der Vorfahren und beginnt mit stolzem
Selbstvertrauen eine Reihe von neuen Verirrungen, über die dann wieder die
Nachkommen lachen werden. Es gibt
Menschen, die vor lauter Vortrefflichkeit unausstehlich sind. Es gibt Ärzte, die Krankheit nie am eigenen
Leibe erfahren - Pfarrer, die niemals gesündigt oder gelitten zu haben
scheinen. Der Splitter in deinem Auge ist das
beste Vergrößerungsglas. Gott bewahre uns vor den Unschuldigen und
Guten. Selbst der Gerechte wird ungerecht, wenn er
selbstgerecht wird. Zur
Selbstgerechtigkeit gehört das Wegschauen vor den wahren Problemen. Niemand betrüge sich
selbst. Nichts ist leichter
als Selbstbetrug, denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für
wahr. Zu glauben, man täusche sich nicht, ist
die größte Täuschung. Endlich verführt die Fähigkeit zu sprechen
den Menschen auch dazu, zu reden, wenn er überhaupt nichts denkt, und indem
er, was er redet, für wahr hält, sich selbst zu täuschen. Es ist ebenso leicht, sich zu täuschen, ohne
es zu merken, wie es schwer ist, die anderen zu täuschen, ohne dass sie es
merken. Man ist untröstlich, von seinen Feinden
betrogen und von seinen Freunden getäuscht zu werden, und lässt es sich oft
gefallen, es durch sich selbst zu werden. Man ist nie scharfsinniger, als wenn es
darauf ankommt, sich selbst zu täuschen und seine Gewissensbisse zu
unterdrücken. Die Natur betrügt uns nie. Wir sind es immer,
die wir uns selbst betrügen. Wer sich selber betrügt, betrügt andere. Wir reden uns oft unsere eigenen Lügen ein,
um uns nicht Lügen strafen zu müssen, und täuschen uns selbst, um die
anderen zu täuschen. Wir betrügen und schmeicheln niemanden durch
so feine Kunstgriffe als uns selbst. Der Grund, weshalb wir uns über die Welt
täuschen, liegt sehr oft darin, dass wir uns über uns selbst täuschen. Die Bereitschaft des Menschen zur
Selbsttäuschung ist unermesslich größer als die Möglichkeit, andere zu
täuschen. Nichts ist so schwer, als sich nicht zu
betrügen. Ein Mensch, der
heuchelt und betrügt, betrügt sich selbst und verkennt sein eigenes Wesen. Betrüg dich nicht selbst, fürchte dich von
allen Betrügern am meisten vor dir selbst. Die Hauptsache ist, belügen Sie sich nicht
selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine eigene Lüge hört, kommt
schließlich dahin, dass er keine einzige Wahrheit mehr, weder in sich noch
um sich, unterscheidet. Das aber führt zur Nichtachtung sowohl seiner selbst
als der anderen. Wer aber niemanden achtet, der hört auf zu lieben; um sich
aber ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den
Leidenschaften. Uns selbst anzulügen ist tiefer in uns drin
als andere anzulügen. Es ist gefährlich, anderen etwas vorzumachen;
denn es endet damit, dass man sich selbst etwas vormacht. Der Selbstbetrug ist der häufigste Betrug und
auch der schlimmste. Er kann tragisch werden. Er kann ein Lebenswerk
verunmöglichen.
Hast ist die Scheuklappe des Menschen gegenüber den Dingen, auf die
es im Leben wirklich ankommt. Der Gelassene nutzt seine Chance besser als der Getriebene. Die Hast erzeugt Magenkrankheit. Gönne dir einen Augenblick der Ruhe und du begreifst, wie
närrisch du herumgehastet bist. Hektik weist auf ein krankes Gemüt. Hauptmerkmal eines
geordneten Verstandes ist Beharrungsvermögen und die Fähigkeit, mit sich selbst umgehen
zu können. Es ist einerlei, wieviel Zeit den
Vielgeschäftigen gegeben sein mag, wenn kein Punkt da, wo sie haften bleibt,
durch schadhafte und durchlöcherte Seelen rinnt sie durch. Nichts kann gleichzeitig hastig und klug erledigt werden. Wir arbeiten rasch genug, wenn wir gut arbeiten. Die
Hummeln machen mehr Lärm und gebärden sich geschäftiger als die Bienen, aber sie
erzeugen weder Wachs noch Honig. So arbeitet weder viel noch gut, wer sich überhastet. Obwohl ich immer in Eile bin, bin ich niemals in Hetze,
weil ich nur soviel Arbeit auf mich lade, wie ich ruhigen Herzens bewältigen kann. Zur Plage unsers Daseins trägt nicht wenig auch dieses
bei, dass stets die Zeit uns drängt, uns nicht zu Atem kommen lässt und hinter jedem her
ist. Das Lächerlichste vom Lächerlichen auf dieser Welt sind
mir die Leute, die es eilig haben, die nicht schnell genug essen und arbeiten können.
Was
richten sie aus, diese ewig Hastenden? Ergeht es ihnen nicht wie jener Frau, die aus ihrem
brennende Haus in der Verwirrung die Feuerzange rettete. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen
macht beinahe Gewissenbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu
Mittag isst,
das Auge auf das Börsenblatt gerichtet - man lebt wie einer, der fortwährend etwas
"versäumen könnte". Zur Plage unsers Daseins trägt
nicht wenig auch dieses bei, dass stets die Zeit uns drängt, uns nicht zu
Atem kommen lässt und hinter jedem her ist wie ein Zuchtmeister mit der
Peitsche. Der rastlose Arbeitsmensch von heute hat tagsüber keine
Zeit, sich Gedanken zu machen - und abends ist er zu müde dazu. Alles in allem hält er
das für Glück. Der größte Fehler dieses Zeitalters ist es, dass alle
Menschen so hektisch und so aktiv geworden sind. Wer keine Ruhe hat, kann nicht das Wesen
der Dinge erfahren. Der Furchtmensch ist scheu und unruhig. Seine hastigen, an
Störung gewöhnten Freuden sind kurz. Deshalb braucht er Abwechslung. Der Reichtum seines
Lebens ist nicht Tiefe sondern Mannigfaltigkeit. Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel
gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn seines Lebens und der Welt kommt. Das Gefühl des Getriebenwerdens,
das die passive Weise jenes Gefühls darstellt, das der Verlust an Schwung
des Wachstums auslöst, ist eine der leidvollsten Qualen, die die Seelen der
Männer und Frauen erfahren, die aufgerufen sind, ihr Leben in einem
Zeitalter des sozialen Zerfalls zu leben; und dieses Leid ist vielleicht
eine Strafe für die Sünde der Vergötzung, die durch die Verehrung des
Geschöpfes an Stelle des Schöpfers begangen wird. Was ist es, das den Menschen heutzutage so jämmerlich
klagen lässt, er sei gehetzt; was hetzt ihn eigentlich? Er kann nichts tun, ja, er kann
nicht einmal nichts tun, ohne nach irgendeinem Nutzen zu schielen. Man muss leben, als hätte man hundertfünfzig Jahre Zeit.
Hast ist der Feind des Lebens. Man muss sich fragen, was der heutigen Menschheit
größeren Schaden an ihrer Seele zufügt: die verblendende Geldgier oder die
zermürbende
Hast. Es fiel ihm auf, dass das wirklich
Charakteristische des heutigen Lebens nicht seine Grausamkeit und
Unsicherheit, sondern seine Nacktheit, seine Schäbigkeit, seine
Ruhelosigkeit war. Was ist das für eine Regel? Je
mehr zeitsparende Maschinen es gibt, desto mehr steht der Mensch unter
Zeitdruck.
Alles verändert sich
so schnell, dass man mit dem Hören und Sehen gar nicht nachkommen kann; und
es in Worte zu fassen ist erst recht unmöglich. Bei der ungeheuren Beschleunigung des
Lebens werden Geist und Auge an ein halbes und falsches Sehen und Urteilen
gewöhnt. Man kann mit dem Leben mehr anfangen, als es
nur immer schneller zu leben. Jeder
ist immer erreichbar. Die ganze Welt beschleunigt sich, alles ist dringend,
und wo alles dringend ist, ist nichts mehr dringend, und damit schlittern
wir in eine Bedeutungslosigkeit hinein. Unsere
Tragödie besteht genau genommen darin, dass sich der
Lebensrhythmus nicht mehr nach dem Herzschlag richtet,
sondern nach der rasenden Umdrehungsgeschwindigkeit von Turbinen, die sich
täglich steigert. Schneller
vorwärts! Um jeden Preis schneller!" Schneller? Aber wohin?
Danach fragt ihr überhaupt nicht, ihr Narren!
Der Mensch von heute hat nur ein einziges wirklich neues
Laster erfunden: die Geschwindigkeit. Wir sind geschlagen in dem Wahn, die Zeit überholen zu wollen. | |||||